Donnerstag, 8. Juli 2010

Herrscherkörper II: Moskaus Einbalsamierungsinstitut

Es gehörte zu den ersten Schritten der Machtvorbereitung Stalins, den Körper Lenins, entgegen dessen eigenen wünschen, zu einem sakralen politischen Körper zu transformieren. In den Sitzungsprotokollen bringt Stalin den Vorschlag der “Genossen aus der Provinz” vor, Lenin dürfe nicht eingeäschert werden, sondern müsse als echter Russe durch die “Moderne Wissenschaft” so lange konserviert werden, bis man sich an den Gedanken seines Ablebens gewöhnt habe. Trotzki verwehrte sich vehement gegen diesen Versuch einer Einbindung von Lenins Körper in diese polittheologische Strategie. Er waf Stalin vor, er wolle die Reliquien der russischen Heiligen nun durch Lenins Körper als neue Reliquie ersetzen. Auch andere Teilnehmer der Sitzung des ZK empörten sich über diese Idee, die die Anrüchigkeit von Pfaffentum hatte, und wohl tatsächlich ein Versuch war, die ländliche Volksfrömmigkeit und den Ikonenkult auf einen durch realkommunistische wissenschaft konsevierten Heldenkörper zu übertragen.
Wenige Stunden nach Lenins Tod, Trotzki weilte unbenachrichtigt im Urlaub am Schwarzen Meer, wurde die Konservierung in Angriff genommen – zunächst sehr dilettantenhaft. Erste Verfärbungen stellten sich ein. Lenin wurde in einem provisorischen Mausoleum, das innert Kürze auf dem Roten Platz aufgestellt wurde, aufgebahrt und bekam auf Grund der von kommunistischen Aparatschiks verordneten Tiefkühlung langsam eine schwarze Nase. Da schaltete sich Boris Zbarski zusammen mit einem bekannten Biochemiker Worobjow, dessen Namen er dann später aus den Berichten und Broschüren zur Geschichte des Leninsarkophags tilgte, ein und erhielt die Erlaubnis, sich um die prominente Leiche zu kümmern.

Sein Sohn, Ilyas, der später seinen Vater im Mausoleum unterstützt hatte, erzählt in seiner Autobiografie seine Geschichte, in der "Lenin und die anderen Leichen" eine entscheidende Rolle gespielt haben. Zbarskis Buch ist ein manchmal verschlungenes, aber dichtes Dokument einer etwas absonderlichen Wissenschafts- und Alltagsgeschichte der Sowjetunion. Das Labor arbeitete in einem für die damalige Phase der Sowjetunion ausserordentlich privilegierten Versorgungshoch. Damit entstand nicht nur ein Labor, das sich um Lenins Leichnam kümmerte, sondern auch ein sozialistisches Kompetenzzentrum für die Wiederherstellung von leichen. Alle kommunistischen Führer, welche sich für die Ewigkeit erhalten wollten, sind von Mitarbeitern von Zbarskis Institut bearbeitet worden, in einem vom Bruderstaat Russland bereitgestellten Kompetenztransfer. Nur Mao-Tse-Tung wurde von chinesischen Wissenschaftlern selbst konserviert.

Nicht unwesentlich erscheint mir die Geschichte des Institutes nach 1991. 1992 wurden die staatlichen Zuwendungen auf 20% gekürzt, das Institut suchte nach eine Aufgabe in der Privatwirtschaft. Durch die radikale neoliberale Schocktherapie, die man Russland nach dem Ende der Sowjetunion verpasst hatte, waren Kunden für den “ritual service”, wie sich die Firma nun nannte, schnell da. Zbarski beschreibt, wie man Konservierungsarbeiten für Neureiche (und) Kriminelle ausführt, wie man zerschossene Gangsterbosses restauriert, auf denselben dicken Tisch aus Marmor, auf dem auch schon Stalin einbalsamiert worden war. Zbarski beschreibt diese Selbst-Sakralisierung der kriminellen (und) wirtschaftlichen Oligarchie im letzten Kapitel seines Buches nicht ohne Bitterkeit. Die Erweiterung des Aufgabenbereiches des Mausoleumslaboratorium auf die Einbalsamierung von toten Verbrechern, scheine ihm, so Zbarski, symptomatisch für die Machtverschiebung in Russland von politischen Führern hin zu ökonomischen Oligarchen. Was sich hier anzeigt, ist das Fortleben jener politisch theologischen Strategien der Verewigung. Unter dem neuen Herrschaftssystem sind sie nicht mehr wenigen Auserwählten, Heiligen oder totalitären Herrschern vorbehalten, sondern erinnern auf Friedhofs-Stelen, auf denen schlecht angezogene Gangster feist posieren und den privaten Mausoleen von Ölmagnaten daran, dass Macht nie verschwindet, sondern immer nur neu verteilt wird oder zersplittert.



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