Dienstag, 20. März 2018

Sonntag, 18. September 2011

Neoliberale Fellpflege


Der aufstrebende Jungfreisinnige Dominik Tiedt meinte letzthin in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger, persönlich setze er sich mit Spenden für gemeinnützige Organisationen ein:

„‚Die Allgemeinheit liegt mir durchaus am Herzen.’ Er habe daheim auch eine Katze, fügt er an."

Die Parallelmontage hungernder Kinder, die für Spenden und geschmeidigen Haustigern, die für Katzenfutter werben ist uns aus dem Nachmittagsfernsehprogramm bekannt, in ihr wird die Selbstverständlichkeit der ungleichen globalen Verteilung am schmerzhaftesten vorgeführt. Haustiere sind Luxusgüter, sie nützen nichts, wir hegen und pflegen sie nur, weil wir sie lieben, aus dieser Liebe allein ziehen sie ihr Existenzrecht. Wenn ein Jungfreisinniger nun also seine Katze und die von Spenden abhängige Hilfsorganisationen in einem Atemzug nennt, so ist das ein Freudscher Versprecher im besten Sinne. In ihm kommt eine kognitive Karte zum Vorschein: Umverteilung ist hier stets eine Sache des persönlichen Gefallens; Unterstützung der Allgemeinheit immer nur freiwillige Almosenspende, charity, liebevolle Zuwendung zu den Armen und Bedürftigen. Willkommen in der Welt von Sheba.

Donnerstag, 8. September 2011

App-War im Wahlzirkus!



Felix Gutzwiler hat eine Pionierleistung erbracht: Freiwillig setzt er sich mit seiner neuen App "Talking Felix" der Lächerlichkeit aus. "Talking Felix" fordert geradezu dazu auf, verhohnepiepelt zu werden. Doch Gutzwilers Medienbüro hat erkannt, dass es immer noch besser ist, in Youtube-Videos mit schmutzigen Wörtern im Mund rumgereicht zu werden als gar nicht auf dem Pausenhof besprochen zu werden. Der Urnengang vieler psychopharmazeutisch interessierter Jugendlicher wird Gelix gewiss sein. Wo so viel Erfolg ist, da ist auch schon bald die Guerilla-Partei im eigentlichen Sinne: Auch die SVP hat mit ihrem Masseneinwanderungsstopp die Gunst vieler Street-Artisten erobert und will nun diese Strategie auch im digitalen Raum weiterbetreiben. So wurde aus vertraulichen Kreisen verlautet, dass auch Christoph Blocher mit einem App-Äffchen in den Wahlkampf ziehen will. Es soll im Design allerdings "volksnaher" gestaltet sein. Erste Entwürfe sind abgebildet.

Dienstag, 31. Mai 2011

Nachtrag zu HK IV: Das zu erwartende Bild


Während der arme Panowsky sich für seine ikonografischen Studien noch hunderte Wälzer ansehen musste, kann man heute sogar, ähnlich wie bei Wetterprognosen, eine voraussichtliche Ikonografie betreiben: Die Deutung eines Bildes schlägt sich stets in Windeseile im Netz nieder und bestätigt, manchmal, die eigene Lektüre. Hier ist das zu erwartende Bild, Restultat einer Praxis, die anderenort als "having fun with the Obama meme" beschrieben wurde.

Montag, 30. Mai 2011

Herrscherkörper V: Haiders Unfallstelle



In der Mitte von Klagenfurt, auf dem Heiligenplatz, steht der Lindwurm. Ein Monster, das im Mittelalter ein Moor östlich des von Roy Black besungenen Wörthersees bewohnte. Ihm gegenüber steht ein Herkules, der locker eine stachlige Keule hinter seinem Rücken verbirgt, mit dem er das Vieh totschlagen wird. Mich interessierte auf meinem Kurzaufenthalt in Kärnten doch ein weiteres Denkmal. Im Bus aus Klagenfurt heraus muss ich mir einen dicken Bub anhören, der doch tatsächlich die von mir klammheimlich erwarteten Worte "die san mia so unsympathisch, wann i die sprache nicht versteh" ausspricht, als eine Frau durchaus sehr laut in einer nicht österreichischen Sprache telefoniert. Doch die Mädchen, die mit dem dicken Bub fahren, verteidigen das Opfer seines Angriffes wacker. Nichts da findet der dicke Buam, „sowas gehört ausse“. Nach zehn Minuten Fahrt steige ich in Lambichl aus. Ich hatte mich auf einer längere Suche gefasst gemacht. Doch Jörg Haider ist 2008 nach einer durchzechten Nacht gleich neben der Bushaltestelle in den Tod gerast. Wer erwartet, dass hier nur einige Friedhofskerzen und ein kleines Kreuz mit Foto stehe, kennt die wahre Treue schlecht. Hier steht ein Verkehrsopferdenkmal Deluxe, bzw. drei Verkehrsopferdenkmale, übersät und umstellt von kleineren Botschaften, die dasselbe tun: Alle wollen Haider danken. Die Augen tun einem Weh vor lauter „Danke“. In der Mitte steht dann auch ein Bildstock mit zwei Heiligen und einem Reh drauf. Dieses „Marterl“ wurde vom Hochbauamt Klagenfurt entworfen. Bezahlt wurde es von Spendern wie August Markowitz, einem von Haider ausgezeichneten Fleischfachmann, der u.a. mit seinen „haassen Braunen“, ganz besonderen Würsten, die Region beglückte. In der Mitte der ganzen Anordnung steht eine nicht zu übersehende Aufstelltafel, die auf die „unzähligen Fragen“ eingeht, welche mit Haiders Tod einhergehen würden – Fragen, die es unwahrscheinlich machen, dass sich der Landesvater sturzbetrunken zu Tode gefahren hat. Der Text suggeriert, das vermutlich K.O.Tropfen im Spiel gewesen sind – Haider also letztlich von unbekannten Mächten umgebracht wurde.
Etwas missmutig löste ich meine Augen vom vielen Danken und realisierte, dass ich noch eine Stunde zu warten hatte, bis mich ein Bus zurück in Ingeborg Bachmanns Klagenfurt fahren würde. Wartend – auch Heidegger sagt ja, dass dann immer die besten Sachen passieren – fand ich einen kleinen Weg in ein kleines Tal unterhalb der Unfallstätte, folgte einem Schild „Zur Forellenschenke“. Eigentlich ist Kärnten ein wunderschönes Dreiländereck, die Strasse aus Klagenfurt heraus verzweigt sich nach Haiders Todesstelle, man kann wählen ob man nach Italien oder Slowenien fahren will. In der „Forellenschenke“ reicht einem Traudl thailändischen Rindfleischsalat und die Gäste am Nebentisch sprechen Slowenisch. Ich nehme sicherheitshalber aber doch die Bergsteigernudeln.

Kalter Krieg II: The Atomic Cafe


Wer wissen will, wie die Welt die Bombe lieben lernte, erhält mit dem Film "The Atomic Cafe" einen beeindruckende Einleitung: Zusammengestellt aus Filmmaterial aus den fünfziger brilliert er mit guten Zusammenschnitten, welche die Absurditäten der Nachkriegswelt mit der knallharten Rücksichtslosigkeit des Kalten Krieges konfrontieren. Des Aufstieg der Bombe zum Starlett einer Epoche wird vorgeführt an Bildern von modischen "Atomic Cocktails" und aufgeplatzten Schweinebäuchen. Zugleich verliert sich der Film nicht nur in einer Nostalgie des Grauens, sondern zeigt nachvollziehbar den Weg von Hiroshima zur Blocksituation zweier Atommächte dar. Ein Zusatzsternchen kriegt der Film von mir aber vor allem auch wegen seinem sorgfältig ausgewählten Soundtrack!

Dienstag, 3. Mai 2011

Herrscherkörper IV: Geronimo EKIA

Osama bin Laden war kaum ein Mann, mit dem man Mitleid haben muss. Ob es angebracht ist, dass sich in New York auf Ground Zero Menschen versammeln, um wie nach einem gewonnenen Fussballspiel seine Erschiessung zu bejubeln sei dahingestellt. Dass Staatschefs und –chefinnen, VertreterInnen von der Rechtsstaatlichkeit verpflichteten Gebilden rund um die Welt, darunter u.a. die UNO, sich den öffentlichen Freudenbekundungen rhetorisch anschliessen stimmt jedoch mehr als nachdenklich. Einerseits deswegen, weil hier naiv ein Ende gefeiert wird, dass kaum eines ist: Die Al Quaida ist kein Familienkonzern, sondern vielmehr ein filialenbildendes globalisiertes Unternehmen: CEOs zu erschiessen löst keine grundlegenden Strukturen auf. Weiter, und das wiegt fast schwerer, zeigt diese Verbindung von unverhohlener Freude über die Erschiessung eines Menschen die Verzerrungen des Rechtsempfindens nach 9/11 in ihrer Selbstverständlichkeit auf: Mit dem Ausspruch „Justice has been done“ setzt sich Obama für eine Form von Recht ein, die ausserhalb der regulären Gerichtsbarkeit steht. Für diese Form von Recht stellt Osama bin Ladens gezielte Erschiessung nur einen Höhepunkt dar: Dass die Informationen, die zu Osamas Versteck geführt haben, aus dem Lager Guantanamo kommen sollen, wo Haft ohne Anklage und Folter als legitim erachtet wurden, gehört zu dieser Form von "Feindstrafrecht" , als das es Heribert Prantl bezeichnet. Wofür Osama bin Laden abgesehen von dieser grundlegenden Feindschaft denn genau hingerichtet wurde, ist unklar, seine Drahtzieherfunktion bezüglich 9/11 z.B. ist nicht in dem Sinne bewiesen, wie er es nach einem Gerichtsprozess gewesen wäre.
Vielleicht hat der letzte Präsident George W. Bush von allen Repräsentanten am wahrsten gesprochen, als er meinte, es handle sich bei der Erschiessung von Bin Laden um eine „unmissverständliche Botschaft“ der USA an alle Terroristen. Bush hatte bereits 2001 davon gesprochen, Osama bin Laden wie „out in the west“ „dead or alive“ haben zu wollen und damit Wild-West-Recht das Wort geredet. Dass aus seinem Nachfolger John Wayne werden würde, der "Geronimo"(!!!) niederstrecken würde, war nicht zu erwarten. Obama kommt die Hinrichtung Bin Ladens mehr als gelegen, bezieht er doch aus diesem Erfolg womöglich die nötige Führerstärke um die nächste Wahl zu bestehen. Interessant ist, wie er sich und seinen Kontrahenten inszeniert. Bin Ladens Körper ist bisher unsichtbar, die US-Führung hat bisher darauf verzichtet, seinen toten Körper öffentlich zu zeigen. Der Erschiessung gingen lange Diskussionen voran, wie mit Osama bin Ladens Körper umgegangen werden sollte: Dass man sich, muslimisches Recht zu beachten vorgebend, für eine Seebestattung entschieden hat, um die Leiche so schnell wie möglich jeder Ikonisierung oder Erinnerungskult zu entziehen, war sicher eine taktisch intelligente Entscheidung, auch wenn sie Verschwörungstheorien Vorschub leistet. (So wurde Osama bin Laden bereits in die Gilde Eigentlich-noch-Lebender von Elvis bis Hitler aufgenommen.) Interessant ist, dass Obama zwei Tage nach der Erschiessung jedoch Fotos von sich selbst veröffentlicht, wie er der Entwicklungen hin zur Erschiessung per Live-Übertragung beiwohnt. In der Reihe der Fotos fiel mir vor allem ein Foto auf, dass Obama von hinten vor seinem Beratungsstab zeigt, wie er sich bespricht. Man sieht einen breiten Rücken und seinen Hinterkopf, seine Arme sind leicht ausgebreitet: Hier tritt der starke Mann seinem Feind gegenüber um ihn zu vernichten. Showdown und „Obama 1: Osama 0“.

Mittwoch, 23. März 2011

Die Gaga: Banale Politik

Die Einleitung zu Lady Gagas Clip „Born this Way“ könnte in ihrem Schöpfungspathos von Mathew Barney sein: Gaga-Gaia gebiert das Gute und das Böse, beides wird mit viel Glibber zur Welt gebracht. Auf der einen Seite eine „new race, which bears no prejudice, no judgment, but boundless freedom“ auf der anderen das Böse mit viel Maschinengewehrgeknatter im Ledergewändchen.
Der darauf folgende Song übersetzt dann die Theorie der Gotteskindschaft in Alltagssprache. „Don’t be a drag, be a queen“: Er ermutigt dazu die eigene Identität als selbstverständlich zu akzeptieren, sei man nun bi, gay, transgender, behindert oder libanesisch. Damit schliddert der Clip einerseits hart an der Banalitätsschmerzgrenze entlang - und enttäuscht die theorieaffine Community im Netz eher. Denn hier gibt’s nichts mehr aufzuschlüsseln, das ist nur platt: Aber wird Pop nicht eben genau dann politisch, wenn er es schafft, die Banalitäten apokrypher politischer Forderungen in den Mainstream einzuschleusen? Oder wann hat Britney Spears zum letzten Mal gesagt, dass Transsexuelle schon ok seien?

Freitag, 18. März 2011

Hayeks Graphic Novel


Friedrich von Hayeks „Road to Serfdom“ soll die Lieblingsbettlektüre von Maggie Thatcher gewesen sein. Doch wozu ganze Abende für Hunderte von Seiten verschwenden: Hayeks Klassiker gibt es unlängst auch als Graphic Novel. Nur kurze Zeit nach der Publikation des Originals wurde Hayeks Botschaft mit Cartoons illustriert im Look Magazine 1945 publiziert. Wenig später verteilte es General Motors (die Autofirma, die der Staat letzthin...ja genau) als Informationsbroschüre. In wenigen Bildern und Sätzen wird im dünnen Bändchen erläutert, warum jede Form von staatlicher Wirtschaftsplanung immer sofort zu faschistischen Führerstaaten führt, in denen Uniformierte deine Golfschläger kaputtmachen und dich zur Gymnastik zwingen.
Über die damalige Verteilung der Broschüre konnte ich leider wenig herausfinden. Doch die verknappte Botschaft Hayeks hallt noch immer nach, der Cartoon führt ein unheimliches Leben auf den Homepages amerikanischer „Liberaler“. Die Tea-Party wurde letzthin in der „Süddeutschen Zeitung“ „Süddeutschen Zeitung“ nicht zu Unrecht als die „wilden Schüler Hayeks“ beschrieben. Dass man Obama auf Grund seiner Gesundheitsreform regelmäßig mit Hitler vergleicht, findet seine krude Logik in einem Pop-Neoliberalismus wie es jene Bändchen von Hayek verbreitet, indem es jeden staatlichen Eingriff als Vorstufe zur grossen Übernahme darstellt.

Montag, 7. März 2011

Tiere II: Spekulative Zoologie


Spätestens mit der Ökobewegung am Ende des 20. Jahrhundert hat sich die Geschichte der Erlösung verändert: Das nur tierisch bewohnte Paradies war nicht mehr nur ein prä- sondern vor allem auch ein posthumaner Zustand. Der Mensch erschien als Parasit,, der seine eigene Existenzgrundlage gekonnt zerstörte. Doch, so die letzte Hoffnung, es sollte ihm nicht gelingen, „die Natur“ an sich und ihre eigene Geschichte aufzuhalten. Die menschliche Apokalypse sollte eine Befreiung der Natur sein. In „28 days later“, einem Zombiefilm in dem die Seuche „Wut“ die ganze Menschheit befällt, meint ein Tierbefreiungsaktivist: „Humans only have been arround for a few blinks of an eye. So if the infection wipes us all out, that is a return to normality.“ Die kommende Selbstauslöschung der Menschheit wird als eine Rückkehr zur Normalität, einem Wiedereintritt der Erde in den richtigen Verlauf der Natur-Geschichte beschrieben: Das kommende Reich findet ohne die Menschheit statt.
Die wohl witzigste Antwort auf dieses stark von Selbsthass getragene Wunschszenario findet sich meiner Ansicht nach bei den spekulativen Evolutionsbiologen. Die ersehnte bedrohliche Rückkehr der Erde zur evolutionären „Normalität“ eröffnet ihnen einen sehr menschlichen Imaginationsraum. Sie sind getrieben von der Frage, wie sich die Fauna unseres Planeten verändern wird, wenn man sie wieder sich selbst überlässt.
Was die Herren Wissenschaftler sich dabei ausmalen, lässt die Mutationsphantasien des Kalten Krieges wie lahme Gute-Nacht-Geschichten aussehen. So präsentierte Dougal Dixon 1981 mit „After Man. A Zoology of the future“ ein wunderbares Buch, in dem die Innovationskraft der Natur gefeiert wird. Unverhohlen wird hier das Ende der Menschheit als Befreiung der biologischen Formen gefeiert und dargestellt. In der BBC-Dokufiction-Produktion "The future is wild" von 2003 führen Dougal und andere Wissenschaftler dieses Projekt mit den Techniken des Animationsfilms weiter: Imaginiert wird eine Welt in der kommende klimatische und tektonische Veränderungen eine ganz neue Tierwelt hervorbringen. Die erstarrten Artentabellen der Biologie verwandeln sich in einen darwinistischen Zeichentrickfilm, überall herrscht munteres Werden und Wachsen. Verzückte Wissenschaftler mit Fliege erzählen darüber, wie Tierarten im Verlauf der Jahrmillionen alte Körpereigenschaften „aufgeben“ und neue „entwickeln“: Es scheint, als würden tierische Körper fröhlich Glieder ein- und ausstülpen lassen, je nach dem, welchen Anforderungen sie gerade ausgeliefert sind. Natürlich liesse sich diese bunte Erzählung vom agilen Paradies einerseits als Fabel über die gewünschte Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt lesen, doch das lassen wir jetzt mal, dafür ist es einfach zu toll anzusehen!

Freitag, 4. März 2011

Tiere I: Apkalyptische Ameisen

Es gibt ein sich stets wiederkehrende Denk- und Darstellungsmuster, das ich die „Hoffnung der Kleinen“ nennen möchte. Nietzsche hat in die „Genealogie der Moral“ ausreichend darüber geschrieben. Die schwachen Unterdrückten finden ihren Sieg, in dem sie den selbstverschuldeten Niedergang der grossen Bösen schlicht überleben. Diese Konstellation lässt sich sowohl im Film „Quo vadis“ wiederfinden, wo die verfolgten Christen in ihren Katakomben letztlich nur händereibend auf den Zerfall des Römischen Reichs warten. Oder in allen guten Kinderbüchern über Dinosaurier: Die kleinen Säugetiere, mäuseähnliche Viecher sehen im Verborgenen zu, wie die grossen, und seien wir ehrlich: dekadenten Dinosaurier im Meteorengewitter ihren gerechten Tod sterben und der neunmalkluge Dreikäsehoch, der das Bild betrachtet, weiss: Sie, die Ratten, werden überleben, gerade weil sie nicht gross und stark sind.
Zugleich erinnere ich mich, dass ich damals in den 1980er Jahren gewusst habe, dass im Falle eines Atomkrieges nur Insekten überleben würden: Die kahle, graue Erde würde nur noch bekrabbelt werden, die nächste Zivilisation würde die der Insekten sein. Im Katastrophenfilm "The day after" von 1983, der das Szenario eines H-Bombenabwurf über den USA durchspielt, werden Kakerlakenstatisten von einem der Hauptdarsteller zynisch als die nächsten Herrscher der Erde begrüsst.
Zurück geht diese Ernennung der Insekten zu den Königen von Doomsday auf Strahlentests, die man bald nach Hiroshima mit so ziemlich ALLEM angestellt hatte. Dabei zeigte sich, das eben Küchenschaben extrem viel Strahlung vertrugen. Ausgewiesene Myrmekologen machen allerdings drauf aufmerksam, dass das für Ameisen nicht zutrifft. Trotzdem war die strahlenmedizische Annahme weit verbreitet, die Ameisen würden die post-humanoide Herrschaft antreten: Als staatenbildende Wesen fungierten sie, wie die Bienen, der menschlichen Imagination schon vor 1945 als Spiegel und zivilisatorisches Äquivalent (vgl. Rieger/Bühler: Das Über-Tier) der Menschheit. So fürchten sich die Myrmekologen im Horrorfilm „Them!“ von 1954 vor einer Versklavung der Menschheit durch zu Einfamilienhausgrösse mutierten Ameisen. Und die „Flintstones“-Macher zeigen mit
„Atom-Ant“ 1967/68 eine Ameise, die durch Bestrahlung extrem stark geworden ist. Das Kleine ist das, was folgen wird auf die selbstverschuldete Vernichtung: Im Song "Das Insekt" der deutschen New Wave-Band „Der Plan“ wird dieses kollektive Wissen noch einmal mehr überhöht endgültig zur messianischen Hymne:

Wer ist gerufen, wenn der Mensch verreckt?
Wer ist gerufen, wenn der Mensch verreckt?
Das Insekt, das Insekt! Das Insekt, das Insekt!

Wer ist der Retter und lebt ganz versteckt?
Wer ist der Retter und lebt ganz versteckt?
Das Insekt, das Insekt! Das Insekt, das Insekt!

Wer macht das Paradies auf Erden perfekt?
Wer macht das Paradies auf Erden perfekt?
Das Insekt, das Insekt! Das Insekt, das Insekt!

Dienstag, 21. Dezember 2010

Papiergeld ist nichts wert

Ich erinnere mich lebhaft an einen Film im Kinderprogramm der 1990er Jahre. Darin ging es um den Zusammenschluss von Berliner Kindern zu einer klandestinen Untergrundorganisation oder so einer paramilitärischen Detektivorganisation, wie sie Erich Kästner beschrieben hat. Was mir jedoch am meisten Eindruck gemacht hat, war, dass der Junge, der die Hauptrolle spielte, immer mit einem Wäschezuber voller Geld Brot kaufen gehen musste. Und Kuchen gabs keinen, der hätte nämlich einen Lastwagen voller Geld gekostet. Und einen Lastwagen hatten sie nicht. - So war die Wirtschaftskrise von 1929, alles Geld plötzlich nur Papier. Davor haben heute viele Leute wieder Angst. Vor allem auch reiche Leute. Ist doch klar: Wer viel Geld hat, der verliert in der Krise, wo der Wert vom Papier rutscht, auch am meisten. Was tut man, wenn man Angst hat, und dringend was gegen die Angst braucht? Klar, man rennt zum Automaten und kauft sich da z.B. einen Schwangerschaftstest. Gut, gibt es jetzt auch Automaten, für Menschen mit Angst vor Geldwertzerfall. Denn es gibt etwas, das seinen Wert nie verliert: Gold. Und deswegen gibts jetzt Goldautomaten. Vielleicht schon bald um die Ecke an Ihrem Gold-to-Go-Automaten.

http://www.gold-to-go.com//

Freitag, 10. Dezember 2010

Muzak – Der Sound des Fordismus


1929 begann Henry Ford mit der Produktion seines T-Modells, dem ersten massenhaft hergestellten Auto. In der neuen Fliessbandproduktion beschränkte sich die Arbeit der Autobauer auf einen einzelnen Arbeitsschritt. So sahen die Arbeiter am Fliessband zwar vor lauter Einzelteilchen das Auto nicht mehr, dafür ermöglichte es die Massenproduktion, Autos so billig zu verkaufen, dass es sogar für die Arbeiter möglich war, vom Besitz eines solchen Wagens zumindest zu träumen. Dieser Kompensationskreislauf wurde später, von Marxisten „Fordismus“ genannt. Andere sahen das etwas anders und nannten diese Form der Bedarfsregulierung "Wohlstand für alle". Wie auch immer: Verrichter regulierter Arbeitsabläufe konnten sich zu abertausenden hergestellte, gleichförmige Produkte leisten, die so genannte Konsumgesellschaft nahm ihren Anfang.
Während Huxley gerade "Brave New World" fertig schrieb, gründete ein Mann namens D. George Owen 1934 Squier die die Muzak Holdings LLC 1934. Der Nachrichtenkorpsgeneral Squier bot als erster „Wired Radio“ für Kaufhäuser und andere Orte des Verkaufs an. Man versprach, ab den 1950er Jahren auch wissenschaftlich untermauert, eine Beförderung des Kaufwillens der Bevölkerung durch Musik. Bald schon produzierte Muzak eigene Musik zur Konsumförderung, ganze Big Bands spielten den gedämpften, zurückhaltend anteibenden Sound des Fordismus für die Firma. Ab den 1950er Jahren wurde Muzak zunehmend auch als harmonisierende Hintergrundskulisse in Grossraumbüros gebraucht. Präsident Eisenhower soll ein bekennender Fan von Muzak gewesen sein: Ab 1953 war Muzak auch im Weissen Haus angelangt. Ab dem 1970er geriet das Muzak-Konzept in die Krise: Die Ära des Massenkonsum war vorüber. So wie die Leute nach distinkten Waren für ihre distinkten Leben verlangten, so hatte sich auch die Warenhausmusik subkulturell zu diversifizieren. Dennoch hat es Muzak Holdings LLC bis zum 75 Jahr Jubiläum geschafft. Und eine Werbehomepage kreiert, die ich sehr empfehlen möchte:

http://75.muzak.com/

Freitag, 8. Oktober 2010

Paranoide Semantik II: Subliminale Werbung


Zum ersten Mal von subliminalen Botschaften erfahren habe ich im Kirchengemeindehaus von M. In der Ecke für Beratungsliteratur stand ein Buch mit Vorwort von Cliff Richard, das sowohl sämtliche namhaften Songtexte satanistischer Natur fein säuberlich übersetzt enthielt, als auch minutiöse Verweise auf harmlosere Rocksongs, die, liess man sie rückwärts laufen, erkennen ließen, dass hier Botschaften rückwärts aufgenommen worden waren, die Jugendliche bestenfalls geheime Informationen („Paul is dead“) geben sollten, oder (schlecht) Anweisungen wie sie ihre Eltern oder sich selbst massakrieren sollten. Durch diffundiertes Kinderwissen wusste ich, dass „Judas Priest“, eine Metall-Band, angeblich durch solche Techniken in den USA bereits zwei Jugendliche getötet hatten, was meinen Nachbarsjungen ebenfalls dazu veranlasste, mir das Lied „Better By You, Better Than Me“, in dem die angebliche Aufforderung zum Selbstmord („Do it!“) enthalten war, mehrere Male vorzuspielen. Es hat nicht gewirkt.

Seinen Ursprung hat die Vorstellung, man könne mit untergejubelten Botschaften Menschen zu Aktionen bewegen, nicht in den Köpfen von besorgten Eltern aus der Provinz, sondern in der Werbebranche.Glaubt man den Erfindern des subliminal advertising um James Vicary, wurde die Methode in einem Kino in der Nähe New Yorks, im Lee Theatre, zum ersten Mal getestet. Hier wurde zum ersten Mal getestet, wie Kinozuschauer auf kurze Einspielungen („oft nur 1/3000 einer Sekunde“) reagierten: So wurden Imperative eingeblendet, der wohl bekannte Slogan, ja DER Slogan überhaupt: „Drink Coca Cola“ und „Eat Pop-Corn“. In der daruaf folgenden Pause sei der Cola-Konsum um 53%, der Pop-Corn Konsum um 18% angestiegen. Ob ersterer mit letzterem in Bezug stand, ist nicht ermittelt worden. Durch ein „Leck“ wurde die Story an die Presse weitergeleitet und im LIFE-magazine darüber berichtet. Sehr späte Ehre fand die von da an weit verbreitete Vorstellung subliminaler Massenlenkung dann im Science-Fiction-Film „They live!“ von Carpenter, der auf einer Short Story von 1963 beruht.

Die Öffentlichkeit in den USA war 1957 dadurch traumatisiert worden, dass 21 GIs sich nach dem Koreakrieg dafür entschieden hatten, nach ihrer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im kommunistischen Teil der Erde zu bleiben: Eine Entscheidung die, so die landläufige Meinung, nur durch maliziöse, asiatische Hirnwäschetechniken erzeugt hatte werden können. Das nun die Werber zu ähnlichen Techniken griffen, empörte die Öffentlichkeit. Die Grenzen zwischen dem feindlichen kommunistisch-asiatischen Regime und den Techniken des Marktes verwischten sich hier für kurze Zeit, die Feindstellungen wurden unklar, bedrohlich: Vicary, der sich anfänglich noch stolz als Erfinder der Methode geoutet hatte, musste seine Telefonnummer wechseln und umziehen, um nicht vom McCarthyistischen Volkszorn zerquetscht zu werden.

Demonstrieren lässt sich die potentielle Lächerlichkeit dieser „Werbekritik“ am Oeuvre von Professor Wilson Bryan Key. Wer das Kinderspiel kennt, in Strukturen an einer Holzwand Gesichter zu sehen, wer schon einmal in den Wolke ein Tier gesehen hat, kennt Professor Key Methodik: Keys Schlüssel zu subliminalen Boschaften ist die entspannte Betrachtung von Werbungen, die so lange andauern soll, bis man etwas sieht. Und der Mann und seine Studenten sahen in den 70er Jahren vor allem eines: Das Wort SEX: In beinahe jeder politischen Kampagne seit den 50er Jahren seien „SEX embeddings“ vorgenommen worden. In den mehreren tausenden Zeitungen, die er durchgesehen habe, tauche SEX dauernd auf, ab und zu auch CUNT und FUCK. Doch nicht nur in Werbungen, auch in Berichten über Vietnam ist, schaut man nur genau genug hin, das Wort Sex zu entdecken, und, wenn man noch genauer schaut, auch auf RITZ-Crackers:

„Take half a dozen crackers out of the box and line them up on the table, face upward. Now relax, and let your eyes linger on every cracker - one at a time. Do not strain to see the surface, however. Usually in about ten seconds, you will perceive the message. Embedded on both sides of each cracker is a mosaic of SEXes. (see Figure 4)“



Die Debatte um subliminale Werbung ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich paranoide, mit Leichtigkeit vom Tisch zu wischende Vorstellungen im öffentlichen Bewusstsein festmachen, während subtilere Kritik an Wettbewerbsmechanismen – und techniken keinerlei Aufmerksamkeit erlangt. Die Methoden kamen zwar nie wirklich zur Anwendung, ihre Wirksamkeit ist auch mehr als umstritten. Sie diente der Werbebranche allerdings bereits früh als legitimatorische Kontrastfolie, also als Phantasma, an dem die Lächerlichkeit der Kritik an den persuasiven Effekten von Werbung aufzeigbar waren. So reagierte Chevrolet bereits 1959 in einem Werbespot auf die Vorstellung, Werbung bediene sich subliminaler Techniken, indem sie den „new way to send a message“ offen lächerlich machte:

http://www.youtube.com/watch?v=d61OiNipR9c&feature=related

Dienstag, 28. September 2010

Spiegelung I: Mao und die Vögel

Eine plötzliche Kälte, ein „schwarzer Winter“ überzog die Ostküste Grossbritanniens, niemand weiss, woher sie so schnell kam, „aus Russland vielleicht?“ Und mit der Kälte kamen die Vögel. „Es war wie vor Jahren, bei Kriegsbeginn“ Erst lauertenn sie, dann kam es zu kleineren Attacken. „Saatkrähen und Nebelkrähen, Dohlen, Elstern und Häher, alles Vögel, die sonst in kleineren Arten jagten; an diesem Nachmittag aber gehorchten sie einem anderen Befehl.“ „Sonst pflegten sie sich gesondert zu halten, jetzt flogen sie zusammen, wie durch ein Band vereint“. Der Kampf um Überleben scheint für die Vögel aufgehoben für ein höheres Ziel im offensichtlich orchestrierten Kampf gegen den Menschen: Wer gab ihnen das Signal für ihren plötzlichen Angriff? Der Hunger? Oder waren doch eher so wie man munkelte, die Russen schuld daran, „sie hätten die Vögel vergiftet.“
In diesem Szenario verbarrikaridiert sich Nat Hocker mit seiner Familie, „wie in einem Luftschutzbunker“. Während der Flut hören sie das Scharren der Vögel, die ihre Schnäbel in jede Ritze steckten und auf das Haus niederprasseln. Draussen stürzen die Flugzeuge der Armee ab, gekommen um es vielleicht „mit Gas versuchen, Senfgas“, von Vögeln zu Fall gebracht, die „sich todesmutig gegen Propeller und Rumpf schleuderten“. Am nächsten Morgen, bei Ebbe zeigt sich das Bild einer von toten Vögeln übersäten Landschaft, „Selbstmörder, die sich das Genick gebrochen hatten“. Die Landschaft rundherum ist zerstört, die Menschen tot, Hockens Familie plündert die Häuser der Toten in den Tagesstunden um zu überleben. Ab dem Moment, in dem das Radio nicht mehr sendet, sind sie ohnehin auf sich alleine gestellt. Nach einigen Tagen wird die letzte Zigarette geraucht, das Päckchen, als wehmütiger letzter Rest von Zivilisation, verbrannt und Nats Frau fragt: „Ob uns Amerika nicht helfen kann? Sie sind doch immer unsere Verbündeten gewesen, nicht wahr? Amerika wird sicherlich etwas unternehmen.“

In dieser resümierten Kurzgeschichte von Daphne du Maurier sind die Vögel in ihrer Einigkeit und ihren abrupten Attacken ein symbolisches Symptom der Angst in einem verschleppter Krieg, der niemals richtig aufgehört hat und nun jederzeit, in neue Polaritäten eingespannt, schlagartig über die Menschheit hereinzubrechen droht. Bei Hitchcock, dem diese Novelle unverkennbar als Vorlage für seine „Birds“ von 1963 gedient hat, war der Angriff der Vögeln Teil einer Art tiefenpsychologischen Schnulze über Mutter- und Sohnbeziehungen und Verlustängste. Die einzige Szene, welche auf die Lenkung der Vögel durch einen „Führer“ hinwies, wurde gestrichen. Bei du Maurier jedoch ist die Topographie des Kalten Krieges überdeutlich, es scheint als nehme sie Szenen aus Filmen wie „When the Wind blows“ und „The day after“ vorneweg. Sind die Vögel bei Hitchcock gewalttätige Boten aus seelischen Regionen, deren Tiefen uns nicht zugänglich sind, sind sie bei du Maurier in ihrer Gelenktheit durch viele Bemerkungen im Text als Invasoren angezeigt, die mit dem „Ostwind“ kommen, und eine Angst verkörpern, die sehr wohl eine Richtung kannte. Die deutschen Bombenattacken, die V2, die Nat Hocken in Plymouth erlebt hatte, werden übertroffen durch eine befürchete neue Invasion, die in ihrer Imagination noch viel totaler ist.

1958 mussten sich die Spatzen Chinas ähnlich wie du Mauriers Bewohner der britischen Küste gefühlt haben. In Maos Lyrik war der Spatz, entgegen anderer Vögel ein Symbol für den Verrat, für das mediokre Übel. So war es kein Wunder, als der Spatz, zusammen mit den Ratten, Mücken und Fliegen, zu den vier Plagen gezählt wurde, deren Untergang Mao am 18. Mai 1958 am Parteitag beschlossen hatte. Spatzen, das wusste Mao und seine Berater, frassen dem Volk die Ernte weg, sie mussten ausgelöscht werden. Mao hielt nichts von Oberflächlichkeiten, dass sei, so sagt er in einem seiner Gedichte, wie wenn man, so besagt ein weiteres Poem Maos, mit „geschlossenen Augen Spatzen scheuche“: Zur Vernichtung der Spatzen sollte das ganze Volk aufgeboten werden. Jeder Einwohner Chinas ab fünf Jahren war zur Vogeljagd verpflichtet worden. Die Historikerin Judith Schapiro beschreibt in ihrem Buch „Mao’s War against Nature“ den ersten Feldzug gegen die Spatzen als eine landesübergreifend simultane Aktion, die verhindern sollte, dass die Vögel irgendwo Ruhe fänden. Und so begannen 600 Millionen Chinesen unter Maos Befehl zeitgleich damit, Vögel von den Bäumen zu schiessen, mit Schleudern und Gewehren, Lärm zu machen mit Trommeln und Zimbeln, dass die Vögel sich nirgendwo niederlassen konnten bis sie vor Erschöpfung vom Himmel fielen. Über die Aktion wurde Buch geführt: In Peking waren in zwei Tagen 401'160 Spatzen getötet worden. Nach der Verfolgung waren die Vögel für Jahre verschwunden. Gesalzener Spatz am Stock, eine Spezialität, war nicht mehr zu bekommen, Künstler, die sich auf das Spatzen zeichnen spezialisiert hatten wie andere auf Pferde, oder Fische, trauten sich nicht mehr ihre Bilder zu zeigen.

Bald zeigten sich verheerende Folgen des Erfolges: Das Ökosystem kippte, die Insekten, welche die Spatzen zuvor zuverlässig vernichtet hatten, trugen das ihrige bei zur ohnehin schlechten Nahrungslage: Chinas grosser Schritt nach vorne führte zu einer Hungersnot, die von 1959 bis 1961 mehr als 30 Millionen Menschen das Leben kostete. 1960 konnten Wissenschaftler Mao davon überzeugen, dass er die Spatzen falsch eingeschätzt hatte, die Spatzen wurden in der Liste der vier Plagen durch die Wanzen ersetzt. Die Vogeljagd wurde offiziell für beendet erklärt.

In den Gedichten Maos liess sich jedoch keine Veränderung erblicken. 1965 schrieb Mao ein Gedicht, dass ganz China auswendig lernen sollte. Es ist, was den Vortragenden in ganz China Kummer bereitet hat, das vulgärste von Maos Gedichten, das „Gespräch zwischen zwei Vögeln“, einem „Riesenvogel“ und einem Spatzen inmitten des Krieges, Granaten fliegen umher, „Geschützfeuer steigt zum Firmament“. Der Spatz schwärmt von der Flucht in den Gulasch-Kommunismus Russlands („Auch zu essen gibt es dort,
Kartoffeln, schon fertig, Und Rindfleisch dazu.“), Doch der Riesenvogel weist ihn in die Schranken, für ihn, den Umwälzer, den wahren Revolutionär, ist Ernährung nur eine Nebensache der Verdauung:

,,Hör‘ auf mit diesem Furz! Sieh‘, die Welt wird umgewälzt!“


Mittwoch, 28. Juli 2010

Kalter Krieg I


Isao Hashimoto lässt alle Atomdetonationen von 1945 bis 1998 im Zeitraffer explodieren, jede Atommacht erhält ihren Ton. Die Zündungen in der Wüste von Nevada und die Massenvernichtung in Hiroshima und Nagasaki, die "Tests" also, welche die USA zur Überprüfung ihrer neuen Waffe durchführten, werden noch gezoomt dargestellt. Dann weitet sich der Blick, die gesamte Weltkarte gerät ins Feld: Im August 1949 zündet die UdSSR die erste Bombe in Kasachstan. Damit beginnt der Kalte Krieg. Hashimotos Darstellung macht deutlich, wie sehr "die Bombe" ein Kommunikationsmittel in einem Gespräch andauerder An- und Gegendrohung war, in das sich immer mehr Nationen einschalten, und eine Symphonie der Detonationen verfallen, nie als Chor, sondern als einzelne Sprecher. Die Bombe war das effizienteste Propagandamittel des Kalten Krieges. In einem Dokument des Schweizerischen Aufklärungsdienstes "Heer und Haus" schreibt Oberst Karl Schmid zu den "Psychologischen Aspekten des totalen Krieges" wie die Atombombe, die ihre Macht in "ungeheurer Initiale an den Himmel von Hiroshima" geschrieben habe, an der "Nervenfront" unheilvolles anstelle: Es ist nicht die Wirkung der Bombe selbst, die Schmid fürchtet, sondern die Angst vor der Wirkung: "die atomaren Waffen sind, wenn es nach dem nüchternen Willen ihrer Eigentümer geht, in erster Linie psychologische Waffen; die gegenwärtige Auseinandersetzung zwischen Ost und West soll gerade nicht als technisch-atomarer Krieg entschieden werden, sondern als psychologischer Krieg."

Donnerstag, 8. Juli 2010

Herrscherkörper III: Klement Gottwalds Verwesungstheater

Auf dem Prager Veitsberg stapelt sich die Geschichte Tschechiens: Dominant präsentiert sich hier zunächst die imposante Reiterstatue des husitischen Katholikenzerschmetterer Žižkas. 1877 wurde der Plan gefasst, ihm ein Denkmal zu setzen. Die k.u.k. Bürokraten zierten sich und so konnte diese Idee erst nach dem Zerfall des österreichischen Vielvölkerstaates in Angriff genommen werden. So legte der erste tschechoslowakische Staatspräsident, Jan Masaryk, den Grundstein erst 1928 für einen Bau, der nun auch eine Gedenkstätte für die Helden des Ersten Weltkrieg werden sollte. Richtig gefeiert werden mochte die Fertigstellung 1938 dann aber auch nicht, hatte doch Hitlers Deutschland gerade tschechoslowakische Gebiete „zurückerhalten“. Ab 1939 wurden in den Hallen, neben den Gebeinen der tschechoslovakischen Helden dann auch vor allen Wehrmachtshemden- und Hosen gelagert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten nun auch die Helden des Zweiten Weltkriegs, insbesondere auch sowjetische Soldaten, in den Hallen ihre letzte ehrenvolle Ruhe finden. Als dann 1953 der erste sozialistische Staatspräsident der ČSSR, Klement Gottwald starb, sollte auch er, irgendwie auch Held, darin niedergelegt werden. Doch nicht irgendwie. Mit der Einbalsamierung Lenins hatte Stalin einen neuen Meilenstein in der Herrschaftsrepräsentation gelegt: Auch Gottwald sollte balsamiert werden. In Moskau war, zur Pflege von Lenins Leiche, ein Einbalsamierungsinstitut eingerichter worden, dessen Mitarbeiter nun Herscherleichen in der ganzen zweiten Welt für die Ewigkeit präparierten – oder eben nicht. Denn interessant ist Gottwalds Verwesungsprozess.

Noch immer kann man im Vitkov.Gebäude den imposanten Menschenkühlschrank und seine Regulaturen bewundern – der Lift, mit dem Gottwald jeweils aus dem Keller in die Halle hoch zur Sichtbarkeit getragen wurde, ist leer. Gottwalds Leiche ist nicht mehr zu sehen. Als Reaktion auf die Entstalinisierung, wenige Jahre vor der Sprengung des imposanten Stalinmonuments in Prag, war Gottwalds Körper von der Kommunistischen Partei der CSSR 1962 verbrannt und bestattet worden.

Weitverbreitete Gerüchte lassen hinter dieser Entfernung nicht nur politische Gründe vermuten, sie besagen nämlich nicht nur, dass Gottwald an einer Lungenentzündung gestorben sei, die er an Stalins , dass es nicht nur die politische lage gewesen sei, die zu diesem schritt gez Beerdigung davon getragen habe, sondern auch dass die Einbalsamierung seines Körpers nicht so erfolgreich gewesen sei, wie jene Lenins. Das habe nicht an der Inkompetenz des Moskauer Einbalsamierungsteams gelegen, sondern an Gottwalds schlechter körperlicher Vorlage: Vom Alkohol und der Syphilis zerfressen, war der Körper ungeeignet zur ewigen Haltbarkeit. Die Haut löste sich auf, die Beine mussten amputiert und mit Holz ersetzt werden, bis alles nichts mehr half und man ihn, vorgeblich aus politischen Gründen, gänzlich entsorgen musste. Es scheint, als habe Gottwalds sterbender und toter Körper die Entstalinisierung in einem Theater der Krankheit und der Verwesung bereits vorweggenommen.

Herrscherkörper I: Die zwei Körper der Gaga

Wie schon Madonna debüttierte Lady Gaga am VM-Award, jenem Anlass, an dem auch Madonna zur “Queen of Pop” gekrönt wurde. Debüttantin. Die Gaga sang ihren Song “Paparazzi”, im Verlaufe dessen sie blutüberströmt über die Bühne torkelte. Sang Madonna noch über den Verlust ihrer Jungfräulichkeit, so präsentiert sich Gaga dem Hof als Abgestochene. Im Videoclip zu „Paparazzi“ wird deutlich, wer sie tötet: der mediale Blick. Im Clip wird sie von ihrem Lover im Liebesspiel von der Balustrade des Schlafzimmers gestossen, damit sie von den Paparazzi besser gefilmt werden kann. Den Kameras vorgeworfen bleibt Gaga liegen, im Blitzgewitter. Den Rest des Videos durchtanzt sie an Krücken. Am Schluss des Videos des Videos vergiftet sie ihren verräterischen Freund, weswegen man sie im folgenden Videoclip, “Telephone” im Knast sieht. Von zwei Mannsweibern in Uniform wird sie in die Zelle geführt, ausgezogen und auf die Pritsche geworfen: Gekrümmt in Embrionalstellung entblösst sich Lady Gagas Geschlecht von hinten, mit Pixeln zensuriert wird das Aufscheinen des Intimen noch verstärkt. Lady Gagas Körper wird in seiner totalen Ausgeliefertheit an fremde Blicke gezeigt, ihre Blösse steht im Mittelpunkt dieser Sequenz. Dieser Anblick wird von einer der Wärter-Butches mit “I knew she had no X” explizit thematisiert und nimmt so explizit auf die rege öffentliche Diskussion Bezug, ob Lady Gaga ein Transvestit sei.

Nicht dass Blut und zensierte Gechlechtsteile auf MTV an sich schon Anlass zum Nachhaken bieten würden. Doch bei dem hohen Stilisierungsgrad, der Lady Gaga auszeichnet, lohnt es sich womöglich, tiefer in die Mottenkiste der Kulturgeschichte zu greifen. Gagas Gegenüberstellung von einem verletzbaren, leiblichen Körper und einem zweiten medial inszenierten Vorzeige-Körper, erinnert ein wenig an die Untersuchungen königlicher Doppeldeckergräber des Kunsthistorikers Ernst Kantorowicz These. Kantorowicz hat herausgearbeitet, dass dem König, dem herrschenden Souverän, zwei Körper eigen waren: Ein sterblicher und ein medialer, repräsentativer. So wurde an den Königsbeerdigungen, die Kantorowicz historisch untersucht hat, dem königlichen Leichnam im Sarg stets seine Effigie vorangetragen, der zweite Körper des Königs, der seine repräsentative Macht verkörperte. Eine weitere Repräsentation dieser Doppeltheit des Herrscherkörpers zeigt sich in der Darstellung von “Doppeldeckergräbern”: Auf der unteren Ebene wird der verwesende, von Würmern durchzogene Leib dargestellt, über dem auf einer oberen Ebene der ewig währende, repräsentative Körper ausgestellt ist.

Diese Gegenüberstellung eines Bildkörpers, eines repräsentativen Medienkörpers und eines leiblichen Körpers scheint mir für das Verständnis von Lady Gagas Präsentation ihres verletzlichen Körpers wesentlich zu sein. In Interviews erzählt Lady Gaga über sich, wie sie in der High School als Übergewichtige gehänselt wurde, mit einer grossen Nase, braunem Kraushaar: Alles Körpereigenschaften, die nicht mehr vorhanden sind. Dieser gehänselte Körper ist überwunden, der Starkörper erreicht: In einem weiteren Interview mit der COSMOPOLITAN erweitert Gaga das Ausmass dieser Überwindung drastisch:

“I am dead right now, as you are speaking to me. (…) I am like Tinker Bell, she tells the adoring crowd, as she lies belly-down on the stage with her feet up behind her. “You know how she dies if you don’t clap for her? Scream for me! Do you want me to die?”

Laut Lady Gaga lebt nur noch ihr medialer Körper wirklich, der betrachtete, bewunderte Performancekörper, der öffentlich zur Schau gestellt wird. Dass Lady Gaga sich maskiert, ihren realen Körper verschwinden lässt ist eine einfache Konstante des Showbusiness. Dass sie ihren verletztlichen, angeblich toten Körper von Anfang an in den Mittelpunkt des Blicks gesetzt hat, ist jedoch bemerkenswert. Doch wäre es wohl falsch, in dieser durchkomponierten Selbstdarstellung der eigenen Verletzlichkeit eine medienkritischen oder gar feministische Protestnote zu sehen, in der für das reale Leben abseits der Bühne um Verständnis und Aufmerksamkeit geworben wird. So lässt sich sicher Britney Spears Schädeleigenrasur verstehen, doch der Gaga geht es kaum darum, auf das verletzliche Mädchen zu verweisen, dass sie halt auch irgendwie ist. Vielmehr wird der nackte, der verletzte Körper in den Reigen der Zeichen integriert, wird dem erfolgreichen Bildkörper nur als bereits verlassener, überwundener Körper beigesellt. Das ist keine Kritik der Blindfelder medialer Scheinwelten, sondern gerade ihre Feier. Gerade im Zeigen des schwachen Körpers im Clip und auf der Bühne wird die reale Souveränität als der Welt enthobenes Medienwesen noch bestärkt: Ja, ich habe/hatte einen Körper, der zerstörbar ist, doch mein eigentliches Leben findet nicht darin statt. Ja, ihr richtet eure Kameras auf diesen Körper, doch mein Körper ist derjenige, dessen Inszenierung ich selbst überwache. Gerade dadurch dass Lady Gaga die eigene Verletzlichkeit nicht in den psychologischen Hinterstuben des Realen stattfinden lässt, sondern in Videoclips integriert, sie benutzt zur Attraktivierungssteigerung ihres medialen Körpers, schafft sie eine vollkommene Souveränität des Spektakels, die vollkommen aufgeht: Selbst Gerüchte, wie jenes, dass Gaga an Anorexie leide und sich ausschliesslich von Babynahrung ernähre, oder jenes, dass sie eigentlich ein Transvestit sei, werden als Teil ihrer Selbstinszenierung gelesen. Lady Gaga wird als Gesamtkunstwerk wahrgenommen, von der auch die Integration ihrer eigenen Verletzlichkeit Teil ist. Gaga wird nicht als psychologisch deutbares Wesen gelesen, dessen Privatheit ab und zu auftaucht, sondern als reine popkulturelle Oberfläche. Der selbstgewählte, selbst designte semiotische Körper erhebt sich von seinem Mängelkörper, wählt und wechselt seine Identität nach eigenem Gusto. Damit lebt Lady Gaga den Traum einer emanzipatorischen Postmoderne, wie er am Ende des letzten Jahrhunderts, von Philosophen wie Giorgio Agamben geträumt wurde, wenn er in seinem messianisch angehauchten Buch „Die kommende Gemeinschaft“ meint, dass die Unterwerfung des menschlichen Körpers unter die Kommerzialisierung und die Massenproduktion, den menschlichen Körper „von der doppelten Last des biologischen Schicksals und der individuellen Biographie befreit“.

Zum Star der Feuilletons ist Lady Gaga einerseits geworden, weil sie sich als Bildersuchrätsel von Verweisen auf die moderne Kunsttradition lesen lässt. Zugleich ist die Berichterstattung in den Kulturteilen aber auch getragen von einem leichten Schock, dass sich neben diesen Verweisen und den markige Sprüchen, die auch schon Andy Warhol gesagt haben könnte, wenig mehr findet. Der postmoderne Traum ist vorbei, die vollkommene Selbstinszenierung weckt heute jedoch keine Hoffnungen auf politische Subversion mehr, wie sie Madonna mit ihren blasphemischen Ausfallschritten zumindest noch anklingen liess. Lady Gaga ist in ihrer perfekten Inszenierung ihres Herrschaftskörpers vielmehr das beängstigende Gesicht einer Epoche, in der es kaum ein Jenseits der medialen Darstellung mehr gibt.

Freitag, 16. April 2010

James Camerons "Tsyhalu“: Absage an die zeichenhafte Kommunikation




In der Öffentlichen Rezeption wird „Avatar“ grösstenteils als umweltschützerisches, anti-koloniales Märchen wahrgenommen. Das will der Film des Bäumepflanzers James Cameron mit seinen überdeutlichen Verweisen auf die durch Profitsucht verwüsteten Urwaldregionen der Erde auch ganz offensichtlich sein. Doch der Film transportiert auch äusserst problematische Inhalte. Unter anderem hat sich Slavoj Zizek in einem auch für seine Verhältnisse etwas gar abschweifenden Rezension im „New Statesman“ auch zur dominant rassistisch und kulturimperialistischen Komponente des Film geäussert. Die Tatsache, dass der invalide Soldatenmessias GI Jake Sully den antikolonialen Aufstand anführt, und dass erst das biodigital eingespeiste Wissen einer amerikanischen Biologin Mutter Natur auf die Sprünge hilft, den Sieg zu erringen, grenzt an Anmassung. Und dass die meisten Na’vi-Darsteller von Schwarzen gespielt werden und die blauen Riesen auch Basketballspielend dargestellt werden, verweist auf Stereotype, die selbstverständlich rassistisch sind.
Ich möchte auf eine weitere Problematik aufmerksam machen, die sich in der Form, wie die Naturverbundenheit der Na’vi dargestellt wird, zeigt: In der Absage an die Möglichkeiten der zeichenhaften Kommunikation. Selbst der „Edle Wilde“, wird in der positiv-rassistischen glorifzierenden Tradition als semiotisch agierendes Wesen dargestellt, der Teil der Natur ist, mit ihr letztlich aber doch Deutung verbunden ist. Der Edle Wilde vermag die Zeichen der Natur, die ihm doch äusserlich ist, zu verstehen, er kann Fährten lesen, er kann vielleicht sogar mit den Tieren sprechen, er kann Pferde mit Flüstern und feinsten Bewegungen lenken. Selbst wenn der Indianer keinen Sattel und Saumzeug braucht, so leitet er sein Pferd doch nicht per Telekinese zum Silbersee. Das wesentliche ist, obschon der Edle Wilde dargestellt wird, als ob er eins sei mit der Natur, vermag die Zeichnung als instinktives Wesen doch nicht die anthropologische Notwendigkeit der Zeichenverwendung und Interpretation aus den Erzählungen verdrängen. In „Avatar“ wird diese Interpretation der Natur, dieses kurze Verzögerungsmoment zwischen Natur und Mensch, in dem sie sich in ihrer Fremdheit begegnen, vollkommen aufgelöst. Sinnbild dieser Auflösung jeder Unterbrechung einer direkten, nicht mehr zeichenhaften Kommunikation ist das Tsyhalu. Das Tsyhalu ist eine Schnittstelle, über die alle Na’vi biologisch verfügen, ein einem Haarzopf ähnliches Kabel, über das sie sich z.B. mit ihren Reittieren direkt verbinden können. Nicht über Befehle werden die Tiere gelenkt, sondern neuroelektronische Plug-in-Technologie ermöglicht eine unmittelbare, medienfreie Verbindung mit dem Tier. Einerseits lässt sich darin der Traum einer gewaltlosen Naturaneignung verbildlicht sehen. Zugleich aber ist diese Glorifizierung zeichenloser Kommunikationsformen auch ein ideologisches Kernthema, das den Film durchzieht.

Denn Kommunikation zwischen verschiedenartigen Wesen funktioniert nicht einfach besser durch diese direkte biologische Verbindung, sie funktioniert letztlich NUR dadurch. Das zeigt sich am deutlichsten gerade im Grundplot: Wissenschaftler versuchen mit den „Eingeborenen“ in Kontakt zu treten, mit ihnen zu kommunizieren. Das gelingt jedoch nur in dem sie Avatare, sprich: geklonte Na’vi-Körper benutzen. Erst durch die biologische Gleichartigkeit wird Kommunikation und Freundschaft möglich. Wo sich andere Filme bemühen, genau diesen Konflikt der Konfrontation von zwei Andersartigkeiten und ihre Annäherung zu beschreiben, treibt „Avatar“ die Methode der ethnologischen „teilnehmenden Beobachtung“ in die biologistische Absurdität: Zwar wird der GI Jake Sully in die Riten und Gebräuche der Na’vi eingeführt, Grundlage dafür ist jedoch seine biologische Gleichheit. Dieser Aufhebung jeglicher auch mythischen Zeichenhaftigkeit folgt auch die mythische Landschaft, wie sie Cameron zeichnet: So ist der Ahnenkult nicht teil von Ritualen, von schamanistischen Prozeduren des Erkennens in der Natur, sondern der Draht zu den Ahnen kann direkt über Seelenbäume hergestellt werden, die wie Anrufbeantworter aus der Vergangenheit abgehört werden können. Auch die Naturgöttin Eywa wird als immanentes Wesen gedacht, sie ist nicht eine mythische Überhöhung des Ökosystems, ein personalisiertes Wesen, sondern das Ökosystem selbst.

Vor diesem Hintergrund hinterlässt der anti-koloniale Sieg am Ende einen schal-reaktionären Nachgeschmack auf der 3-D-Brille: Denn der kriegerische Kampf der die wenigen spannenden Teile des Films prägt, stellt letztlich die einzige Alternative zur vollkommenen, bis in die biologische Substanz gehende Assimiliation dar. Insofern lässt sich „Avatar“ auch nicht nur als utopisches (und offen gestanden: reichlich altbackenes) Märchen über die Befreiung naturaffiner Urbevölkerungen vor dem kapitalistisch-westlichen Raubbau verstehen, als Votum für mehr Umweltschutz, sondern vor allem auch als pessimistisches Szenario für jegliche interkulturelle Kommunikation: Respekt vor und Verständigung mit dem Anderen kann nur dann möglich sein, wenn man auch bereit ist, kein Anderer mehr zu sein.

Montag, 11. Januar 2010