Dienstag, 21. Dezember 2010

Papiergeld ist nichts wert

Ich erinnere mich lebhaft an einen Film im Kinderprogramm der 1990er Jahre. Darin ging es um den Zusammenschluss von Berliner Kindern zu einer klandestinen Untergrundorganisation oder so einer paramilitärischen Detektivorganisation, wie sie Erich Kästner beschrieben hat. Was mir jedoch am meisten Eindruck gemacht hat, war, dass der Junge, der die Hauptrolle spielte, immer mit einem Wäschezuber voller Geld Brot kaufen gehen musste. Und Kuchen gabs keinen, der hätte nämlich einen Lastwagen voller Geld gekostet. Und einen Lastwagen hatten sie nicht. - So war die Wirtschaftskrise von 1929, alles Geld plötzlich nur Papier. Davor haben heute viele Leute wieder Angst. Vor allem auch reiche Leute. Ist doch klar: Wer viel Geld hat, der verliert in der Krise, wo der Wert vom Papier rutscht, auch am meisten. Was tut man, wenn man Angst hat, und dringend was gegen die Angst braucht? Klar, man rennt zum Automaten und kauft sich da z.B. einen Schwangerschaftstest. Gut, gibt es jetzt auch Automaten, für Menschen mit Angst vor Geldwertzerfall. Denn es gibt etwas, das seinen Wert nie verliert: Gold. Und deswegen gibts jetzt Goldautomaten. Vielleicht schon bald um die Ecke an Ihrem Gold-to-Go-Automaten.

http://www.gold-to-go.com//

Freitag, 10. Dezember 2010

Muzak – Der Sound des Fordismus


1929 begann Henry Ford mit der Produktion seines T-Modells, dem ersten massenhaft hergestellten Auto. In der neuen Fliessbandproduktion beschränkte sich die Arbeit der Autobauer auf einen einzelnen Arbeitsschritt. So sahen die Arbeiter am Fliessband zwar vor lauter Einzelteilchen das Auto nicht mehr, dafür ermöglichte es die Massenproduktion, Autos so billig zu verkaufen, dass es sogar für die Arbeiter möglich war, vom Besitz eines solchen Wagens zumindest zu träumen. Dieser Kompensationskreislauf wurde später, von Marxisten „Fordismus“ genannt. Andere sahen das etwas anders und nannten diese Form der Bedarfsregulierung "Wohlstand für alle". Wie auch immer: Verrichter regulierter Arbeitsabläufe konnten sich zu abertausenden hergestellte, gleichförmige Produkte leisten, die so genannte Konsumgesellschaft nahm ihren Anfang.
Während Huxley gerade "Brave New World" fertig schrieb, gründete ein Mann namens D. George Owen 1934 Squier die die Muzak Holdings LLC 1934. Der Nachrichtenkorpsgeneral Squier bot als erster „Wired Radio“ für Kaufhäuser und andere Orte des Verkaufs an. Man versprach, ab den 1950er Jahren auch wissenschaftlich untermauert, eine Beförderung des Kaufwillens der Bevölkerung durch Musik. Bald schon produzierte Muzak eigene Musik zur Konsumförderung, ganze Big Bands spielten den gedämpften, zurückhaltend anteibenden Sound des Fordismus für die Firma. Ab den 1950er Jahren wurde Muzak zunehmend auch als harmonisierende Hintergrundskulisse in Grossraumbüros gebraucht. Präsident Eisenhower soll ein bekennender Fan von Muzak gewesen sein: Ab 1953 war Muzak auch im Weissen Haus angelangt. Ab dem 1970er geriet das Muzak-Konzept in die Krise: Die Ära des Massenkonsum war vorüber. So wie die Leute nach distinkten Waren für ihre distinkten Leben verlangten, so hatte sich auch die Warenhausmusik subkulturell zu diversifizieren. Dennoch hat es Muzak Holdings LLC bis zum 75 Jahr Jubiläum geschafft. Und eine Werbehomepage kreiert, die ich sehr empfehlen möchte:

http://75.muzak.com/

Freitag, 8. Oktober 2010

Paranoide Semantik II: Subliminale Werbung


Zum ersten Mal von subliminalen Botschaften erfahren habe ich im Kirchengemeindehaus von M. In der Ecke für Beratungsliteratur stand ein Buch mit Vorwort von Cliff Richard, das sowohl sämtliche namhaften Songtexte satanistischer Natur fein säuberlich übersetzt enthielt, als auch minutiöse Verweise auf harmlosere Rocksongs, die, liess man sie rückwärts laufen, erkennen ließen, dass hier Botschaften rückwärts aufgenommen worden waren, die Jugendliche bestenfalls geheime Informationen („Paul is dead“) geben sollten, oder (schlecht) Anweisungen wie sie ihre Eltern oder sich selbst massakrieren sollten. Durch diffundiertes Kinderwissen wusste ich, dass „Judas Priest“, eine Metall-Band, angeblich durch solche Techniken in den USA bereits zwei Jugendliche getötet hatten, was meinen Nachbarsjungen ebenfalls dazu veranlasste, mir das Lied „Better By You, Better Than Me“, in dem die angebliche Aufforderung zum Selbstmord („Do it!“) enthalten war, mehrere Male vorzuspielen. Es hat nicht gewirkt.

Seinen Ursprung hat die Vorstellung, man könne mit untergejubelten Botschaften Menschen zu Aktionen bewegen, nicht in den Köpfen von besorgten Eltern aus der Provinz, sondern in der Werbebranche.Glaubt man den Erfindern des subliminal advertising um James Vicary, wurde die Methode in einem Kino in der Nähe New Yorks, im Lee Theatre, zum ersten Mal getestet. Hier wurde zum ersten Mal getestet, wie Kinozuschauer auf kurze Einspielungen („oft nur 1/3000 einer Sekunde“) reagierten: So wurden Imperative eingeblendet, der wohl bekannte Slogan, ja DER Slogan überhaupt: „Drink Coca Cola“ und „Eat Pop-Corn“. In der daruaf folgenden Pause sei der Cola-Konsum um 53%, der Pop-Corn Konsum um 18% angestiegen. Ob ersterer mit letzterem in Bezug stand, ist nicht ermittelt worden. Durch ein „Leck“ wurde die Story an die Presse weitergeleitet und im LIFE-magazine darüber berichtet. Sehr späte Ehre fand die von da an weit verbreitete Vorstellung subliminaler Massenlenkung dann im Science-Fiction-Film „They live!“ von Carpenter, der auf einer Short Story von 1963 beruht.

Die Öffentlichkeit in den USA war 1957 dadurch traumatisiert worden, dass 21 GIs sich nach dem Koreakrieg dafür entschieden hatten, nach ihrer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im kommunistischen Teil der Erde zu bleiben: Eine Entscheidung die, so die landläufige Meinung, nur durch maliziöse, asiatische Hirnwäschetechniken erzeugt hatte werden können. Das nun die Werber zu ähnlichen Techniken griffen, empörte die Öffentlichkeit. Die Grenzen zwischen dem feindlichen kommunistisch-asiatischen Regime und den Techniken des Marktes verwischten sich hier für kurze Zeit, die Feindstellungen wurden unklar, bedrohlich: Vicary, der sich anfänglich noch stolz als Erfinder der Methode geoutet hatte, musste seine Telefonnummer wechseln und umziehen, um nicht vom McCarthyistischen Volkszorn zerquetscht zu werden.

Demonstrieren lässt sich die potentielle Lächerlichkeit dieser „Werbekritik“ am Oeuvre von Professor Wilson Bryan Key. Wer das Kinderspiel kennt, in Strukturen an einer Holzwand Gesichter zu sehen, wer schon einmal in den Wolke ein Tier gesehen hat, kennt Professor Key Methodik: Keys Schlüssel zu subliminalen Boschaften ist die entspannte Betrachtung von Werbungen, die so lange andauern soll, bis man etwas sieht. Und der Mann und seine Studenten sahen in den 70er Jahren vor allem eines: Das Wort SEX: In beinahe jeder politischen Kampagne seit den 50er Jahren seien „SEX embeddings“ vorgenommen worden. In den mehreren tausenden Zeitungen, die er durchgesehen habe, tauche SEX dauernd auf, ab und zu auch CUNT und FUCK. Doch nicht nur in Werbungen, auch in Berichten über Vietnam ist, schaut man nur genau genug hin, das Wort Sex zu entdecken, und, wenn man noch genauer schaut, auch auf RITZ-Crackers:

„Take half a dozen crackers out of the box and line them up on the table, face upward. Now relax, and let your eyes linger on every cracker - one at a time. Do not strain to see the surface, however. Usually in about ten seconds, you will perceive the message. Embedded on both sides of each cracker is a mosaic of SEXes. (see Figure 4)“



Die Debatte um subliminale Werbung ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich paranoide, mit Leichtigkeit vom Tisch zu wischende Vorstellungen im öffentlichen Bewusstsein festmachen, während subtilere Kritik an Wettbewerbsmechanismen – und techniken keinerlei Aufmerksamkeit erlangt. Die Methoden kamen zwar nie wirklich zur Anwendung, ihre Wirksamkeit ist auch mehr als umstritten. Sie diente der Werbebranche allerdings bereits früh als legitimatorische Kontrastfolie, also als Phantasma, an dem die Lächerlichkeit der Kritik an den persuasiven Effekten von Werbung aufzeigbar waren. So reagierte Chevrolet bereits 1959 in einem Werbespot auf die Vorstellung, Werbung bediene sich subliminaler Techniken, indem sie den „new way to send a message“ offen lächerlich machte:

http://www.youtube.com/watch?v=d61OiNipR9c&feature=related

Dienstag, 28. September 2010

Spiegelung I: Mao und die Vögel

Eine plötzliche Kälte, ein „schwarzer Winter“ überzog die Ostküste Grossbritanniens, niemand weiss, woher sie so schnell kam, „aus Russland vielleicht?“ Und mit der Kälte kamen die Vögel. „Es war wie vor Jahren, bei Kriegsbeginn“ Erst lauertenn sie, dann kam es zu kleineren Attacken. „Saatkrähen und Nebelkrähen, Dohlen, Elstern und Häher, alles Vögel, die sonst in kleineren Arten jagten; an diesem Nachmittag aber gehorchten sie einem anderen Befehl.“ „Sonst pflegten sie sich gesondert zu halten, jetzt flogen sie zusammen, wie durch ein Band vereint“. Der Kampf um Überleben scheint für die Vögel aufgehoben für ein höheres Ziel im offensichtlich orchestrierten Kampf gegen den Menschen: Wer gab ihnen das Signal für ihren plötzlichen Angriff? Der Hunger? Oder waren doch eher so wie man munkelte, die Russen schuld daran, „sie hätten die Vögel vergiftet.“
In diesem Szenario verbarrikaridiert sich Nat Hocker mit seiner Familie, „wie in einem Luftschutzbunker“. Während der Flut hören sie das Scharren der Vögel, die ihre Schnäbel in jede Ritze steckten und auf das Haus niederprasseln. Draussen stürzen die Flugzeuge der Armee ab, gekommen um es vielleicht „mit Gas versuchen, Senfgas“, von Vögeln zu Fall gebracht, die „sich todesmutig gegen Propeller und Rumpf schleuderten“. Am nächsten Morgen, bei Ebbe zeigt sich das Bild einer von toten Vögeln übersäten Landschaft, „Selbstmörder, die sich das Genick gebrochen hatten“. Die Landschaft rundherum ist zerstört, die Menschen tot, Hockens Familie plündert die Häuser der Toten in den Tagesstunden um zu überleben. Ab dem Moment, in dem das Radio nicht mehr sendet, sind sie ohnehin auf sich alleine gestellt. Nach einigen Tagen wird die letzte Zigarette geraucht, das Päckchen, als wehmütiger letzter Rest von Zivilisation, verbrannt und Nats Frau fragt: „Ob uns Amerika nicht helfen kann? Sie sind doch immer unsere Verbündeten gewesen, nicht wahr? Amerika wird sicherlich etwas unternehmen.“

In dieser resümierten Kurzgeschichte von Daphne du Maurier sind die Vögel in ihrer Einigkeit und ihren abrupten Attacken ein symbolisches Symptom der Angst in einem verschleppter Krieg, der niemals richtig aufgehört hat und nun jederzeit, in neue Polaritäten eingespannt, schlagartig über die Menschheit hereinzubrechen droht. Bei Hitchcock, dem diese Novelle unverkennbar als Vorlage für seine „Birds“ von 1963 gedient hat, war der Angriff der Vögeln Teil einer Art tiefenpsychologischen Schnulze über Mutter- und Sohnbeziehungen und Verlustängste. Die einzige Szene, welche auf die Lenkung der Vögel durch einen „Führer“ hinwies, wurde gestrichen. Bei du Maurier jedoch ist die Topographie des Kalten Krieges überdeutlich, es scheint als nehme sie Szenen aus Filmen wie „When the Wind blows“ und „The day after“ vorneweg. Sind die Vögel bei Hitchcock gewalttätige Boten aus seelischen Regionen, deren Tiefen uns nicht zugänglich sind, sind sie bei du Maurier in ihrer Gelenktheit durch viele Bemerkungen im Text als Invasoren angezeigt, die mit dem „Ostwind“ kommen, und eine Angst verkörpern, die sehr wohl eine Richtung kannte. Die deutschen Bombenattacken, die V2, die Nat Hocken in Plymouth erlebt hatte, werden übertroffen durch eine befürchete neue Invasion, die in ihrer Imagination noch viel totaler ist.

1958 mussten sich die Spatzen Chinas ähnlich wie du Mauriers Bewohner der britischen Küste gefühlt haben. In Maos Lyrik war der Spatz, entgegen anderer Vögel ein Symbol für den Verrat, für das mediokre Übel. So war es kein Wunder, als der Spatz, zusammen mit den Ratten, Mücken und Fliegen, zu den vier Plagen gezählt wurde, deren Untergang Mao am 18. Mai 1958 am Parteitag beschlossen hatte. Spatzen, das wusste Mao und seine Berater, frassen dem Volk die Ernte weg, sie mussten ausgelöscht werden. Mao hielt nichts von Oberflächlichkeiten, dass sei, so sagt er in einem seiner Gedichte, wie wenn man, so besagt ein weiteres Poem Maos, mit „geschlossenen Augen Spatzen scheuche“: Zur Vernichtung der Spatzen sollte das ganze Volk aufgeboten werden. Jeder Einwohner Chinas ab fünf Jahren war zur Vogeljagd verpflichtet worden. Die Historikerin Judith Schapiro beschreibt in ihrem Buch „Mao’s War against Nature“ den ersten Feldzug gegen die Spatzen als eine landesübergreifend simultane Aktion, die verhindern sollte, dass die Vögel irgendwo Ruhe fänden. Und so begannen 600 Millionen Chinesen unter Maos Befehl zeitgleich damit, Vögel von den Bäumen zu schiessen, mit Schleudern und Gewehren, Lärm zu machen mit Trommeln und Zimbeln, dass die Vögel sich nirgendwo niederlassen konnten bis sie vor Erschöpfung vom Himmel fielen. Über die Aktion wurde Buch geführt: In Peking waren in zwei Tagen 401'160 Spatzen getötet worden. Nach der Verfolgung waren die Vögel für Jahre verschwunden. Gesalzener Spatz am Stock, eine Spezialität, war nicht mehr zu bekommen, Künstler, die sich auf das Spatzen zeichnen spezialisiert hatten wie andere auf Pferde, oder Fische, trauten sich nicht mehr ihre Bilder zu zeigen.

Bald zeigten sich verheerende Folgen des Erfolges: Das Ökosystem kippte, die Insekten, welche die Spatzen zuvor zuverlässig vernichtet hatten, trugen das ihrige bei zur ohnehin schlechten Nahrungslage: Chinas grosser Schritt nach vorne führte zu einer Hungersnot, die von 1959 bis 1961 mehr als 30 Millionen Menschen das Leben kostete. 1960 konnten Wissenschaftler Mao davon überzeugen, dass er die Spatzen falsch eingeschätzt hatte, die Spatzen wurden in der Liste der vier Plagen durch die Wanzen ersetzt. Die Vogeljagd wurde offiziell für beendet erklärt.

In den Gedichten Maos liess sich jedoch keine Veränderung erblicken. 1965 schrieb Mao ein Gedicht, dass ganz China auswendig lernen sollte. Es ist, was den Vortragenden in ganz China Kummer bereitet hat, das vulgärste von Maos Gedichten, das „Gespräch zwischen zwei Vögeln“, einem „Riesenvogel“ und einem Spatzen inmitten des Krieges, Granaten fliegen umher, „Geschützfeuer steigt zum Firmament“. Der Spatz schwärmt von der Flucht in den Gulasch-Kommunismus Russlands („Auch zu essen gibt es dort,
Kartoffeln, schon fertig, Und Rindfleisch dazu.“), Doch der Riesenvogel weist ihn in die Schranken, für ihn, den Umwälzer, den wahren Revolutionär, ist Ernährung nur eine Nebensache der Verdauung:

,,Hör‘ auf mit diesem Furz! Sieh‘, die Welt wird umgewälzt!“


Mittwoch, 28. Juli 2010

Kalter Krieg I


Isao Hashimoto lässt alle Atomdetonationen von 1945 bis 1998 im Zeitraffer explodieren, jede Atommacht erhält ihren Ton. Die Zündungen in der Wüste von Nevada und die Massenvernichtung in Hiroshima und Nagasaki, die "Tests" also, welche die USA zur Überprüfung ihrer neuen Waffe durchführten, werden noch gezoomt dargestellt. Dann weitet sich der Blick, die gesamte Weltkarte gerät ins Feld: Im August 1949 zündet die UdSSR die erste Bombe in Kasachstan. Damit beginnt der Kalte Krieg. Hashimotos Darstellung macht deutlich, wie sehr "die Bombe" ein Kommunikationsmittel in einem Gespräch andauerder An- und Gegendrohung war, in das sich immer mehr Nationen einschalten, und eine Symphonie der Detonationen verfallen, nie als Chor, sondern als einzelne Sprecher. Die Bombe war das effizienteste Propagandamittel des Kalten Krieges. In einem Dokument des Schweizerischen Aufklärungsdienstes "Heer und Haus" schreibt Oberst Karl Schmid zu den "Psychologischen Aspekten des totalen Krieges" wie die Atombombe, die ihre Macht in "ungeheurer Initiale an den Himmel von Hiroshima" geschrieben habe, an der "Nervenfront" unheilvolles anstelle: Es ist nicht die Wirkung der Bombe selbst, die Schmid fürchtet, sondern die Angst vor der Wirkung: "die atomaren Waffen sind, wenn es nach dem nüchternen Willen ihrer Eigentümer geht, in erster Linie psychologische Waffen; die gegenwärtige Auseinandersetzung zwischen Ost und West soll gerade nicht als technisch-atomarer Krieg entschieden werden, sondern als psychologischer Krieg."

Donnerstag, 8. Juli 2010

Herrscherkörper III: Klement Gottwalds Verwesungstheater

Auf dem Prager Veitsberg stapelt sich die Geschichte Tschechiens: Dominant präsentiert sich hier zunächst die imposante Reiterstatue des husitischen Katholikenzerschmetterer Žižkas. 1877 wurde der Plan gefasst, ihm ein Denkmal zu setzen. Die k.u.k. Bürokraten zierten sich und so konnte diese Idee erst nach dem Zerfall des österreichischen Vielvölkerstaates in Angriff genommen werden. So legte der erste tschechoslowakische Staatspräsident, Jan Masaryk, den Grundstein erst 1928 für einen Bau, der nun auch eine Gedenkstätte für die Helden des Ersten Weltkrieg werden sollte. Richtig gefeiert werden mochte die Fertigstellung 1938 dann aber auch nicht, hatte doch Hitlers Deutschland gerade tschechoslowakische Gebiete „zurückerhalten“. Ab 1939 wurden in den Hallen, neben den Gebeinen der tschechoslovakischen Helden dann auch vor allen Wehrmachtshemden- und Hosen gelagert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten nun auch die Helden des Zweiten Weltkriegs, insbesondere auch sowjetische Soldaten, in den Hallen ihre letzte ehrenvolle Ruhe finden. Als dann 1953 der erste sozialistische Staatspräsident der ČSSR, Klement Gottwald starb, sollte auch er, irgendwie auch Held, darin niedergelegt werden. Doch nicht irgendwie. Mit der Einbalsamierung Lenins hatte Stalin einen neuen Meilenstein in der Herrschaftsrepräsentation gelegt: Auch Gottwald sollte balsamiert werden. In Moskau war, zur Pflege von Lenins Leiche, ein Einbalsamierungsinstitut eingerichter worden, dessen Mitarbeiter nun Herscherleichen in der ganzen zweiten Welt für die Ewigkeit präparierten – oder eben nicht. Denn interessant ist Gottwalds Verwesungsprozess.

Noch immer kann man im Vitkov.Gebäude den imposanten Menschenkühlschrank und seine Regulaturen bewundern – der Lift, mit dem Gottwald jeweils aus dem Keller in die Halle hoch zur Sichtbarkeit getragen wurde, ist leer. Gottwalds Leiche ist nicht mehr zu sehen. Als Reaktion auf die Entstalinisierung, wenige Jahre vor der Sprengung des imposanten Stalinmonuments in Prag, war Gottwalds Körper von der Kommunistischen Partei der CSSR 1962 verbrannt und bestattet worden.

Weitverbreitete Gerüchte lassen hinter dieser Entfernung nicht nur politische Gründe vermuten, sie besagen nämlich nicht nur, dass Gottwald an einer Lungenentzündung gestorben sei, die er an Stalins , dass es nicht nur die politische lage gewesen sei, die zu diesem schritt gez Beerdigung davon getragen habe, sondern auch dass die Einbalsamierung seines Körpers nicht so erfolgreich gewesen sei, wie jene Lenins. Das habe nicht an der Inkompetenz des Moskauer Einbalsamierungsteams gelegen, sondern an Gottwalds schlechter körperlicher Vorlage: Vom Alkohol und der Syphilis zerfressen, war der Körper ungeeignet zur ewigen Haltbarkeit. Die Haut löste sich auf, die Beine mussten amputiert und mit Holz ersetzt werden, bis alles nichts mehr half und man ihn, vorgeblich aus politischen Gründen, gänzlich entsorgen musste. Es scheint, als habe Gottwalds sterbender und toter Körper die Entstalinisierung in einem Theater der Krankheit und der Verwesung bereits vorweggenommen.

Herrscherkörper II: Moskaus Einbalsamierungsinstitut

Es gehörte zu den ersten Schritten der Machtvorbereitung Stalins, den Körper Lenins, entgegen dessen eigenen wünschen, zu einem sakralen politischen Körper zu transformieren. In den Sitzungsprotokollen bringt Stalin den Vorschlag der “Genossen aus der Provinz” vor, Lenin dürfe nicht eingeäschert werden, sondern müsse als echter Russe durch die “Moderne Wissenschaft” so lange konserviert werden, bis man sich an den Gedanken seines Ablebens gewöhnt habe. Trotzki verwehrte sich vehement gegen diesen Versuch einer Einbindung von Lenins Körper in diese polittheologische Strategie. Er waf Stalin vor, er wolle die Reliquien der russischen Heiligen nun durch Lenins Körper als neue Reliquie ersetzen. Auch andere Teilnehmer der Sitzung des ZK empörten sich über diese Idee, die die Anrüchigkeit von Pfaffentum hatte, und wohl tatsächlich ein Versuch war, die ländliche Volksfrömmigkeit und den Ikonenkult auf einen durch realkommunistische wissenschaft konsevierten Heldenkörper zu übertragen.
Wenige Stunden nach Lenins Tod, Trotzki weilte unbenachrichtigt im Urlaub am Schwarzen Meer, wurde die Konservierung in Angriff genommen – zunächst sehr dilettantenhaft. Erste Verfärbungen stellten sich ein. Lenin wurde in einem provisorischen Mausoleum, das innert Kürze auf dem Roten Platz aufgestellt wurde, aufgebahrt und bekam auf Grund der von kommunistischen Aparatschiks verordneten Tiefkühlung langsam eine schwarze Nase. Da schaltete sich Boris Zbarski zusammen mit einem bekannten Biochemiker Worobjow, dessen Namen er dann später aus den Berichten und Broschüren zur Geschichte des Leninsarkophags tilgte, ein und erhielt die Erlaubnis, sich um die prominente Leiche zu kümmern.

Sein Sohn, Ilyas, der später seinen Vater im Mausoleum unterstützt hatte, erzählt in seiner Autobiografie seine Geschichte, in der "Lenin und die anderen Leichen" eine entscheidende Rolle gespielt haben. Zbarskis Buch ist ein manchmal verschlungenes, aber dichtes Dokument einer etwas absonderlichen Wissenschafts- und Alltagsgeschichte der Sowjetunion. Das Labor arbeitete in einem für die damalige Phase der Sowjetunion ausserordentlich privilegierten Versorgungshoch. Damit entstand nicht nur ein Labor, das sich um Lenins Leichnam kümmerte, sondern auch ein sozialistisches Kompetenzzentrum für die Wiederherstellung von leichen. Alle kommunistischen Führer, welche sich für die Ewigkeit erhalten wollten, sind von Mitarbeitern von Zbarskis Institut bearbeitet worden, in einem vom Bruderstaat Russland bereitgestellten Kompetenztransfer. Nur Mao-Tse-Tung wurde von chinesischen Wissenschaftlern selbst konserviert.

Nicht unwesentlich erscheint mir die Geschichte des Institutes nach 1991. 1992 wurden die staatlichen Zuwendungen auf 20% gekürzt, das Institut suchte nach eine Aufgabe in der Privatwirtschaft. Durch die radikale neoliberale Schocktherapie, die man Russland nach dem Ende der Sowjetunion verpasst hatte, waren Kunden für den “ritual service”, wie sich die Firma nun nannte, schnell da. Zbarski beschreibt, wie man Konservierungsarbeiten für Neureiche (und) Kriminelle ausführt, wie man zerschossene Gangsterbosses restauriert, auf denselben dicken Tisch aus Marmor, auf dem auch schon Stalin einbalsamiert worden war. Zbarski beschreibt diese Selbst-Sakralisierung der kriminellen (und) wirtschaftlichen Oligarchie im letzten Kapitel seines Buches nicht ohne Bitterkeit. Die Erweiterung des Aufgabenbereiches des Mausoleumslaboratorium auf die Einbalsamierung von toten Verbrechern, scheine ihm, so Zbarski, symptomatisch für die Machtverschiebung in Russland von politischen Führern hin zu ökonomischen Oligarchen. Was sich hier anzeigt, ist das Fortleben jener politisch theologischen Strategien der Verewigung. Unter dem neuen Herrschaftssystem sind sie nicht mehr wenigen Auserwählten, Heiligen oder totalitären Herrschern vorbehalten, sondern erinnern auf Friedhofs-Stelen, auf denen schlecht angezogene Gangster feist posieren und den privaten Mausoleen von Ölmagnaten daran, dass Macht nie verschwindet, sondern immer nur neu verteilt wird oder zersplittert.



Herrscherkörper I: Die zwei Körper der Gaga

Wie schon Madonna debüttierte Lady Gaga am VM-Award, jenem Anlass, an dem auch Madonna zur “Queen of Pop” gekrönt wurde. Debüttantin. Die Gaga sang ihren Song “Paparazzi”, im Verlaufe dessen sie blutüberströmt über die Bühne torkelte. Sang Madonna noch über den Verlust ihrer Jungfräulichkeit, so präsentiert sich Gaga dem Hof als Abgestochene. Im Videoclip zu „Paparazzi“ wird deutlich, wer sie tötet: der mediale Blick. Im Clip wird sie von ihrem Lover im Liebesspiel von der Balustrade des Schlafzimmers gestossen, damit sie von den Paparazzi besser gefilmt werden kann. Den Kameras vorgeworfen bleibt Gaga liegen, im Blitzgewitter. Den Rest des Videos durchtanzt sie an Krücken. Am Schluss des Videos des Videos vergiftet sie ihren verräterischen Freund, weswegen man sie im folgenden Videoclip, “Telephone” im Knast sieht. Von zwei Mannsweibern in Uniform wird sie in die Zelle geführt, ausgezogen und auf die Pritsche geworfen: Gekrümmt in Embrionalstellung entblösst sich Lady Gagas Geschlecht von hinten, mit Pixeln zensuriert wird das Aufscheinen des Intimen noch verstärkt. Lady Gagas Körper wird in seiner totalen Ausgeliefertheit an fremde Blicke gezeigt, ihre Blösse steht im Mittelpunkt dieser Sequenz. Dieser Anblick wird von einer der Wärter-Butches mit “I knew she had no X” explizit thematisiert und nimmt so explizit auf die rege öffentliche Diskussion Bezug, ob Lady Gaga ein Transvestit sei.

Nicht dass Blut und zensierte Gechlechtsteile auf MTV an sich schon Anlass zum Nachhaken bieten würden. Doch bei dem hohen Stilisierungsgrad, der Lady Gaga auszeichnet, lohnt es sich womöglich, tiefer in die Mottenkiste der Kulturgeschichte zu greifen. Gagas Gegenüberstellung von einem verletzbaren, leiblichen Körper und einem zweiten medial inszenierten Vorzeige-Körper, erinnert ein wenig an die Untersuchungen königlicher Doppeldeckergräber des Kunsthistorikers Ernst Kantorowicz These. Kantorowicz hat herausgearbeitet, dass dem König, dem herrschenden Souverän, zwei Körper eigen waren: Ein sterblicher und ein medialer, repräsentativer. So wurde an den Königsbeerdigungen, die Kantorowicz historisch untersucht hat, dem königlichen Leichnam im Sarg stets seine Effigie vorangetragen, der zweite Körper des Königs, der seine repräsentative Macht verkörperte. Eine weitere Repräsentation dieser Doppeltheit des Herrscherkörpers zeigt sich in der Darstellung von “Doppeldeckergräbern”: Auf der unteren Ebene wird der verwesende, von Würmern durchzogene Leib dargestellt, über dem auf einer oberen Ebene der ewig währende, repräsentative Körper ausgestellt ist.

Diese Gegenüberstellung eines Bildkörpers, eines repräsentativen Medienkörpers und eines leiblichen Körpers scheint mir für das Verständnis von Lady Gagas Präsentation ihres verletzlichen Körpers wesentlich zu sein. In Interviews erzählt Lady Gaga über sich, wie sie in der High School als Übergewichtige gehänselt wurde, mit einer grossen Nase, braunem Kraushaar: Alles Körpereigenschaften, die nicht mehr vorhanden sind. Dieser gehänselte Körper ist überwunden, der Starkörper erreicht: In einem weiteren Interview mit der COSMOPOLITAN erweitert Gaga das Ausmass dieser Überwindung drastisch:

“I am dead right now, as you are speaking to me. (…) I am like Tinker Bell, she tells the adoring crowd, as she lies belly-down on the stage with her feet up behind her. “You know how she dies if you don’t clap for her? Scream for me! Do you want me to die?”

Laut Lady Gaga lebt nur noch ihr medialer Körper wirklich, der betrachtete, bewunderte Performancekörper, der öffentlich zur Schau gestellt wird. Dass Lady Gaga sich maskiert, ihren realen Körper verschwinden lässt ist eine einfache Konstante des Showbusiness. Dass sie ihren verletztlichen, angeblich toten Körper von Anfang an in den Mittelpunkt des Blicks gesetzt hat, ist jedoch bemerkenswert. Doch wäre es wohl falsch, in dieser durchkomponierten Selbstdarstellung der eigenen Verletzlichkeit eine medienkritischen oder gar feministische Protestnote zu sehen, in der für das reale Leben abseits der Bühne um Verständnis und Aufmerksamkeit geworben wird. So lässt sich sicher Britney Spears Schädeleigenrasur verstehen, doch der Gaga geht es kaum darum, auf das verletzliche Mädchen zu verweisen, dass sie halt auch irgendwie ist. Vielmehr wird der nackte, der verletzte Körper in den Reigen der Zeichen integriert, wird dem erfolgreichen Bildkörper nur als bereits verlassener, überwundener Körper beigesellt. Das ist keine Kritik der Blindfelder medialer Scheinwelten, sondern gerade ihre Feier. Gerade im Zeigen des schwachen Körpers im Clip und auf der Bühne wird die reale Souveränität als der Welt enthobenes Medienwesen noch bestärkt: Ja, ich habe/hatte einen Körper, der zerstörbar ist, doch mein eigentliches Leben findet nicht darin statt. Ja, ihr richtet eure Kameras auf diesen Körper, doch mein Körper ist derjenige, dessen Inszenierung ich selbst überwache. Gerade dadurch dass Lady Gaga die eigene Verletzlichkeit nicht in den psychologischen Hinterstuben des Realen stattfinden lässt, sondern in Videoclips integriert, sie benutzt zur Attraktivierungssteigerung ihres medialen Körpers, schafft sie eine vollkommene Souveränität des Spektakels, die vollkommen aufgeht: Selbst Gerüchte, wie jenes, dass Gaga an Anorexie leide und sich ausschliesslich von Babynahrung ernähre, oder jenes, dass sie eigentlich ein Transvestit sei, werden als Teil ihrer Selbstinszenierung gelesen. Lady Gaga wird als Gesamtkunstwerk wahrgenommen, von der auch die Integration ihrer eigenen Verletzlichkeit Teil ist. Gaga wird nicht als psychologisch deutbares Wesen gelesen, dessen Privatheit ab und zu auftaucht, sondern als reine popkulturelle Oberfläche. Der selbstgewählte, selbst designte semiotische Körper erhebt sich von seinem Mängelkörper, wählt und wechselt seine Identität nach eigenem Gusto. Damit lebt Lady Gaga den Traum einer emanzipatorischen Postmoderne, wie er am Ende des letzten Jahrhunderts, von Philosophen wie Giorgio Agamben geträumt wurde, wenn er in seinem messianisch angehauchten Buch „Die kommende Gemeinschaft“ meint, dass die Unterwerfung des menschlichen Körpers unter die Kommerzialisierung und die Massenproduktion, den menschlichen Körper „von der doppelten Last des biologischen Schicksals und der individuellen Biographie befreit“.

Zum Star der Feuilletons ist Lady Gaga einerseits geworden, weil sie sich als Bildersuchrätsel von Verweisen auf die moderne Kunsttradition lesen lässt. Zugleich ist die Berichterstattung in den Kulturteilen aber auch getragen von einem leichten Schock, dass sich neben diesen Verweisen und den markige Sprüchen, die auch schon Andy Warhol gesagt haben könnte, wenig mehr findet. Der postmoderne Traum ist vorbei, die vollkommene Selbstinszenierung weckt heute jedoch keine Hoffnungen auf politische Subversion mehr, wie sie Madonna mit ihren blasphemischen Ausfallschritten zumindest noch anklingen liess. Lady Gaga ist in ihrer perfekten Inszenierung ihres Herrschaftskörpers vielmehr das beängstigende Gesicht einer Epoche, in der es kaum ein Jenseits der medialen Darstellung mehr gibt.

Freitag, 16. April 2010

James Camerons "Tsyhalu“: Absage an die zeichenhafte Kommunikation




In der Öffentlichen Rezeption wird „Avatar“ grösstenteils als umweltschützerisches, anti-koloniales Märchen wahrgenommen. Das will der Film des Bäumepflanzers James Cameron mit seinen überdeutlichen Verweisen auf die durch Profitsucht verwüsteten Urwaldregionen der Erde auch ganz offensichtlich sein. Doch der Film transportiert auch äusserst problematische Inhalte. Unter anderem hat sich Slavoj Zizek in einem auch für seine Verhältnisse etwas gar abschweifenden Rezension im „New Statesman“ auch zur dominant rassistisch und kulturimperialistischen Komponente des Film geäussert. Die Tatsache, dass der invalide Soldatenmessias GI Jake Sully den antikolonialen Aufstand anführt, und dass erst das biodigital eingespeiste Wissen einer amerikanischen Biologin Mutter Natur auf die Sprünge hilft, den Sieg zu erringen, grenzt an Anmassung. Und dass die meisten Na’vi-Darsteller von Schwarzen gespielt werden und die blauen Riesen auch Basketballspielend dargestellt werden, verweist auf Stereotype, die selbstverständlich rassistisch sind.
Ich möchte auf eine weitere Problematik aufmerksam machen, die sich in der Form, wie die Naturverbundenheit der Na’vi dargestellt wird, zeigt: In der Absage an die Möglichkeiten der zeichenhaften Kommunikation. Selbst der „Edle Wilde“, wird in der positiv-rassistischen glorifzierenden Tradition als semiotisch agierendes Wesen dargestellt, der Teil der Natur ist, mit ihr letztlich aber doch Deutung verbunden ist. Der Edle Wilde vermag die Zeichen der Natur, die ihm doch äusserlich ist, zu verstehen, er kann Fährten lesen, er kann vielleicht sogar mit den Tieren sprechen, er kann Pferde mit Flüstern und feinsten Bewegungen lenken. Selbst wenn der Indianer keinen Sattel und Saumzeug braucht, so leitet er sein Pferd doch nicht per Telekinese zum Silbersee. Das wesentliche ist, obschon der Edle Wilde dargestellt wird, als ob er eins sei mit der Natur, vermag die Zeichnung als instinktives Wesen doch nicht die anthropologische Notwendigkeit der Zeichenverwendung und Interpretation aus den Erzählungen verdrängen. In „Avatar“ wird diese Interpretation der Natur, dieses kurze Verzögerungsmoment zwischen Natur und Mensch, in dem sie sich in ihrer Fremdheit begegnen, vollkommen aufgelöst. Sinnbild dieser Auflösung jeder Unterbrechung einer direkten, nicht mehr zeichenhaften Kommunikation ist das Tsyhalu. Das Tsyhalu ist eine Schnittstelle, über die alle Na’vi biologisch verfügen, ein einem Haarzopf ähnliches Kabel, über das sie sich z.B. mit ihren Reittieren direkt verbinden können. Nicht über Befehle werden die Tiere gelenkt, sondern neuroelektronische Plug-in-Technologie ermöglicht eine unmittelbare, medienfreie Verbindung mit dem Tier. Einerseits lässt sich darin der Traum einer gewaltlosen Naturaneignung verbildlicht sehen. Zugleich aber ist diese Glorifizierung zeichenloser Kommunikationsformen auch ein ideologisches Kernthema, das den Film durchzieht.

Denn Kommunikation zwischen verschiedenartigen Wesen funktioniert nicht einfach besser durch diese direkte biologische Verbindung, sie funktioniert letztlich NUR dadurch. Das zeigt sich am deutlichsten gerade im Grundplot: Wissenschaftler versuchen mit den „Eingeborenen“ in Kontakt zu treten, mit ihnen zu kommunizieren. Das gelingt jedoch nur in dem sie Avatare, sprich: geklonte Na’vi-Körper benutzen. Erst durch die biologische Gleichartigkeit wird Kommunikation und Freundschaft möglich. Wo sich andere Filme bemühen, genau diesen Konflikt der Konfrontation von zwei Andersartigkeiten und ihre Annäherung zu beschreiben, treibt „Avatar“ die Methode der ethnologischen „teilnehmenden Beobachtung“ in die biologistische Absurdität: Zwar wird der GI Jake Sully in die Riten und Gebräuche der Na’vi eingeführt, Grundlage dafür ist jedoch seine biologische Gleichheit. Dieser Aufhebung jeglicher auch mythischen Zeichenhaftigkeit folgt auch die mythische Landschaft, wie sie Cameron zeichnet: So ist der Ahnenkult nicht teil von Ritualen, von schamanistischen Prozeduren des Erkennens in der Natur, sondern der Draht zu den Ahnen kann direkt über Seelenbäume hergestellt werden, die wie Anrufbeantworter aus der Vergangenheit abgehört werden können. Auch die Naturgöttin Eywa wird als immanentes Wesen gedacht, sie ist nicht eine mythische Überhöhung des Ökosystems, ein personalisiertes Wesen, sondern das Ökosystem selbst.

Vor diesem Hintergrund hinterlässt der anti-koloniale Sieg am Ende einen schal-reaktionären Nachgeschmack auf der 3-D-Brille: Denn der kriegerische Kampf der die wenigen spannenden Teile des Films prägt, stellt letztlich die einzige Alternative zur vollkommenen, bis in die biologische Substanz gehende Assimiliation dar. Insofern lässt sich „Avatar“ auch nicht nur als utopisches (und offen gestanden: reichlich altbackenes) Märchen über die Befreiung naturaffiner Urbevölkerungen vor dem kapitalistisch-westlichen Raubbau verstehen, als Votum für mehr Umweltschutz, sondern vor allem auch als pessimistisches Szenario für jegliche interkulturelle Kommunikation: Respekt vor und Verständigung mit dem Anderen kann nur dann möglich sein, wenn man auch bereit ist, kein Anderer mehr zu sein.

Montag, 11. Januar 2010

Sonntag, 10. Januar 2010

Rückkehr des Archetyps: "Die Deutschen" als konstitutives Aussen

Es scheint, als hätte die Schweizer Volkspartei mit der Minarettinitiative nur abklären wollen, wie offen das dunkle Herz der Schweizer für diffuse fremdenfeindliche Rhetorik ist. Denn vom Islam spricht die SVP längst nicht mehr. Die SVP versucht nun einen emotionalen Transfer zu vollziehen, die Angst vor dem Islam zu verteilen auf andere ausländerpolitische Kampagnen. Eine betroffene Gruppe dieses Aktionismus im Siegestaumel sind „die Deutschen“. Der antideutsche Diskurs wurde seit der erleichterten Einreise aus der EU durch die bilateralen Verträge von den Medien stark geschürt. Online-Artikel zu „den Deutschen“ hatten jeweils hunderte von Leserkommentaren, in denen sich Schweizer über die Deutschen äusserten. Lange hat sich die SVP hier zurückgehalten, bis Frühling 2009 attestierten sogar SVP-Grössen wie Christoph Mörgeli den Deutschen durchaus kulturelle Kompatibilität mit der Schweizer Volksmasse. Doch spätestens seit Peer Steinbrück im Steuerstreit im März 2009 den steuerhinterziehenden Schweizer „Indianern“ mit der „Kavallerie“ gedroht hatte, zeigte sich ein Kurswechsel an. Der christdemokratische Schweizer Abgeordnete Thomas Müller sah sich im Nationalrat bemüssigt, Steinbrück, „in aller Offenheit“ als den neuen „hässlichen Deutschen“ der ihn an „jene Generation von Deutschen“ erinnere, „die vor 60 Jahren mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gassen gegangen sind.“ Damit wurde eine Deutschen-Bild bemüht, dem die Schweiz seit 1939 ihre Form des antifaschistischen Nationalismus verdankt: An der Landesausstellung 1939 in Zürich wurde erstmals jener nationale Abwehrkonsens ausformuliert, der jede fremdenfeindliche Abschottung als legitime Verteidigung des Eigenen und des Guten vor dem Aggressor ummäntelt. Die nützliche Buhmannrolle Nazideutschlands wurde nach 1945 an die Kommunistische Internationale weitergereicht. Nachdem auch dieses Reich untergegangen war, übernahm ab 1989 die EU diese Rolle. Es mag bezeichnend sein, dass der Kriegsausbruch durch die Schweizer Armee auch 2009 wieder durch Paraden gefeiert wurde. Gegen Ende Dezember 2009 kehrte die SVP in ihrem Kampf gegen „Immer mehr ausländische Arroganz!“ mit der Angst vor den Deutschen an die Wurzeln der Schweizerischen Identitätsfindung zurück. In einem Inserat werden nicht nur kriminelle Ausländer, sondern auch „ausländische Ellbögler“ agesprochen:"Deutscher Filz macht sich breit. Denn Deutsche stellen vor allem Deutsche an - an der Uni und in den Spitälern." Illustriert ist das Inserat mit einem lachenden Peer Steinbrück, der von Bundesrat Rudolf Merz angelächelt wird. „Die Deutschen“ sind wieder zum prototypischen Ausländer geworden.


In einer bisher beispielslosen Aktion haben über 200 Professoren und Professorinnen der Universität Zürich noch im Dezember ein Inserat veröffentlicht, in dem sie sich gegen die Form dieser Vorwürfe zur Wehr setzen und betonen, das die Universität zur Vielfalt steht. Auch werfen sie der SVP „Rassismus“ gegen Deutsche vor.

Man möchte bewundernd von publizistischem Judo sprechen: Wenige Tage später veröffentlich die SVP erneut ein Inserat mit dem Titel „Sind die Deutschen eine Rasse?“ Einerseits wird mit einer Statistik gezeigt, dass immer mehr Deutsche an der Universität Zürich angestellt werden, was den „Filz“ beweisen soll. Andererseits äussern sich die „gewöhnlichen Bürger“, als die sich die Inserenten stilisieren, ein gespieltes Erstaunen darüber, dass die Deutschen eine Rasse sein sollen, die vom Rassismus betroffen sein könne. Der Rassismusvorwurf wird damit gekontert, zu suggerieren die eigentlichen Nazis seien die Professoren. „Aber es waren ja schon damals die hohen Professoren, die den Rassen-Aberglauben in die Welt gesetzt haben.“

Die SVP agiert tatsächlich nicht streng genommen rassistisch im Sinne einer NSDAP: Sie behauptet keine genetischen Prägungen. Die „gewöhnlichen Bürger“ in der Schweiz bemühen nur einen kulturellen Rassismus: Nicht Rasse, sondern Mentalität und Kultur werden in ihren Kampagnen regelmässig zu unveränderlichen Grössen gemacht, die der „Integration“ entgegenstehen. Sei dies bei Italienern in den 70ern, Menschen aus Ex-Jugoslawien in den 90ern, Muslimen 2009 oder nun deutschen Akademikern 2010. Während alle anderen rechtspopulistischen Parteien Europas irgendwann einmal mit der faschistischen Vergangenheit Europas geliebäugelt haben, ist dies bei der SVP nie vorgekommen. Offen mit völkischen Ideen zu flirten, würde, die Kernlegitimation der genuin Schweizerische Konstruktion des „Volks“ zerstören. Jede fremdenfeindliche Äusserung wird hier zur „Geistigen Landesverteidigung“, deren Ziel die Stärkung des „Volkes“ gegen die Infiltration gegen das böse, faschistoide Aussen ist. Fremdenfeinde haben sich in der Schweiz seit den 60er Jahren stets bemüht, klar zu machen, dass sie keine Rassisten seien. Denn der „Rassist“ das ist der andere, das ist der Deutsche.

Bild einer Rutschbahn an der Landesausstellung 1939, das Publikumsmagnet für die ganze Schweizer Familie:

Das ideologische Pandamonium des Kinderzimmers



"Sie sollten sich Kung-Fu-Panda ansehen. Der zeigt schon formal, wo wir ideologisch heute stehen. Ein fetter Panda will Kampfkünstler werden. Die fernöstliche Mystik, von Meditation und Schicksal, wird die ganze Zeit verlacht. Aber im Ergebnis funktioniert es trotzdem. So funktioniert unsere Welt heute: Auf zynischem Weg. Früher nahm man Dinge ernst, versteckte seine Ironie. Heute ist es umgekehrt."

Verortung von South Park mit Zizekschem Instrumentarium:

Text zum Iran und Burlesconi

Montag, 4. Januar 2010

semiotik und paranoia

die semiotik der 50er und 60er jahre war einer ideologiekritischen perspektive verpflichtet, roland barthes vermochte in einem steak die wahrheit der zeit enthüllen. diese enthüllungspraxis ist zugleich aber, das macht paul boussiac stark, auch einer lyrischen perspektive auf den alltag verpflichtet. die quellen hier sind weniger struktrualistische, sondern surrealistische texte wie andré bretons "nadja" oder louis aragons "paysan de paris". (Paul Boussiac: Semiotics and surrealism. in: Semiotica 25, 1/2 1979, S. 45-58.) diese texte sind geprägt von einer fixierung des gegenstandes bis zu dem mass, dass er sich in etwas anderes verwandelt. unbefriedigt von der trennung eines unterbewussten traumraums und eines realen lebensraums warfen die surrealisten einen blick auf das alltägliche, der es vor ihren augen verwandelt. so verwandelt sich unter aragons erzählendem blick das leben in der "passage de l'opera" in eine unterwasserwelt, in der feilgebotene spazierstöcke sich in wehendes seegras verwandeln. was hier stattfindet ist eine semiose als präsente zeichenwerdung. die surrealisten verrwerteten nicht nur material, dass ihrem traumraum entsprang, sondern versuchten in einer augurischen technik die wahrheit des alltags genau in dieser traumhaften verzerrung zu entblössen. die semiotik verfolgt eine ähnliche strategie: alles wird ihr zum zeichen, dass es zu erläutern und dessen verwobenheit in ideologische strukturen es aufzuzeigen gilt. versprechen der semiotik ist letztlich auch eine im verständnis der zeichen die welt und ihre machtverhältnisse zu begreifen. in diesem sinne ist semiotik im wahrsten sinn auf-klärung und psychoanalyse: die zeichen wirken nicht mehr in einem gesellschaftlichen unbewussten, sondern werden enthüllt und insofern auch in ihrer wirkmächtigkeit gestoppt.

diese befreiende deutungspraxis hat auch eine nahe verwandtschaft zur paranoia und zur schizophrenie. filme über schizophrenie, wie z.b. "a beautiful mind" zeigen oft dasselbe szenario: ein verlassenes zimmer über und über beklebt mit zetteln,zeitungsschnipseln, die um sich um ein einzige frage drehen, auf die man die antwort in bedeutungsvollen zeitungsartikeln und niedergekritzelten alltagsbegebenheiten sucht. dieser verzweifelte versuch, über die deutung aller möglichen zeichen - die nur wenige sehen - auf die wahrheit zugreifen zu können, findet ihre anhänger auch in der florienden ausgestatung von verschwörungstheorien im internet. die deutung der form von rauch über den türmen von 9/11 ist eine schöne veranschaulichung für jenen surrealistischen blick, der hier die wahrheit enthüllen sollte.

ein exemplar von paranoider semiotik habe ich im blogger "vigilant citizien" gefunden, der esoterisches bildwissen, d.h. alte symboliken, um die popkultur nach hinweisen auf eine weltherrschaft der illuminaten abzusuchen. die akribie seiner analysen gleich wissenschaftlichen, vermischt sich aber auch selbstverständlich mit antisemitischen verschwörungstheorien und verspricht den wenigen, die sich hier bilden, eine klarere perspektive auf die welt.

http://vigilantcitizen.com

der erfolg von - als halbdokumentarisch - aufgefassten büchern wie dem "da vinci code" zeigt, dass der paranoide blick, eine primitive semiotik mit allmachtanspruch, noch heute zum interessengebiet vieler gehört: zeigt sich doch hier bequem im eigentlich sichtbaren und bloss entschlüsselbaren die wahrheit der welt offen.

Freitag, 1. Januar 2010

böse geister vertreiben

In urnäsch findet das neue jahr zweimal statt. Einmal gemäss dem gregorianischen kalender am 31 dezember. Das zweite mal am 13. Dezember, also gemäss dem julanischen kalender, dem man im appenzell so lange treu war, wie man dem anderen, wie so vielem, widerstand leistete. das alte jahr wird hier, wohl aus sicherheit, zweimal ausgetrieben, mit einem „im spätmittelalter entarteten nikolausbrauch“, wie die tourismus-seite schreibt. Um 5 uhr versammelt man sich auf dem dorfplatz. Was man hier sieht, ist in einer unbestimmten zone zwischen authentizität und darbietung. Anwesend sind viele einheimische aus der näheren region, die nummern der zahlreichen autos verweisen bis in den thurgau – von einer touristischen invasion, wie mir bekümmert angekündigt wurde, merke ich nichts. Noch brennen die lichter der gasthöfe um den asphaltplatz, dann tritt ein mann mit weissem schnauz vor und bittet mit lauter stimme, die „psondere magie“ des moments der bald folgen werde, nicht mit blitzlichtern zu zerstören, während des rituals sparsam damit umzugehen, während des gesangs ganz darauf zu verzichten. Es schlägt 5 uhr, das licht in den umstehenden häusern wird auf einen schlag ausgemacht. Im dunkeln sieht man, wie sich der kreis der zuschauer auf beiden seiten öffnet. schemen, offensichtlich mit glocken, „schellen“, auf dem rücken hüpfen geräuschvoll in die mitte des platzes. Die männer tragen an breite gurten befestigte glocken auf dem rücken und vor dem bauch. zum teil sind es mehr als 10 glocken pro mann, kopfgrosse, zum teil ist es eine, die dafür scheint so gross wie ein halber mann zu sein. Diese schellen werden mit vollem körpereinsatz geschüttelt, geschwenkt. ein markerschütternder lärm erfüllt den platz. Doch dann verstummen sie, die männer beginnen im kreis zu stehen und stimmen einen gesang an, der dem jodeln gleicht, doch feiner ist. Die stimmung ist äusserst intensiv. Das frühe aufstehen, der lärm, der unsere nerven in aufruhr gebracht hat und nun dieses sanfte „säuerlen“ der dunklen gestalten. Jeder gesang wird, nach dem er beendet ist, wieder von jenem unsäglichen lärm verabschiedet, es ist ein wechsel zwischen aggression und feinheit.


nachdem der anlass, von dem wir wissen, dass er primär für das publikum inszeniert wird, folgen wir den glockenmännern aus dem dorf hinaus. doch wir sind zu spät, da stehen keine männer mit glocken mehr, sondern nur noch misstrauische gestalten, appenzeller wie aus einem bilderbuch, mit den charakteristischen gekrümmten pfeifen im mund. Ihre blicke scheinen nur zu wünschen, dass wir vorüber gehen, was wir tun. Wir laufen weiter, in der hoffnung, ausserhalb des dorfes, im streubesiedelten land kläuse zu sehen. Was wir gesehen haben, waren nur glockenscheller. Wir sind aber auf der suche nach den silvesterkläusen – diese sind zwar morgen noch, publikumswirksam, im tal, in herisau zu sehen. Doch wir wollen sie bei ihrem gang von haus zu haus beobachten. Dort sind sie dann auch nicht mehr im dunkeln, sondern tragen ihre beleuchtung auf dem kopf. Sie gehen in „schuppeln“, kleineren gruppen von ungefähr 6 mann umher.

Es gibt drei sorten von kläusen: die schönen, die schön-wüsten, die wüsten. Ein Schuppel von schöne Chläus besteht meistens aus sechs, in farbigen Samt gekleideten Männern, zwei Rollli und vier Schelli. Der Rolli trägt Frauenkleidung und eine gewaltige, radförmig Haube. Die Schelli tragen rechteckige Huete und auf Ruecken und Brust je eine Chlausenschelle. In den Nischen der Hauben und auf den Hüten sind in kunstvoller Handarbeit Szenen aus dem dörflichen Leben dargestellt. Tausende von Perlen, alle von Handangenäht, verzieren den einzigartigen Kopfschmuck. Die schö-wüeschten, sind eine mischung aus den schönen und den wüeschten. Sie tragen, wie die wüeschten eine “groscht” also ein kleid aus tannen, stech- und buchenlaub. Auf ihren hüten tragen sie oft auch nachgestellte dorfszenen, im dorf später haben wir auch solche mit ausgestopften tieren gesehen. Den höhepunkt stellen aber deutlich die wüeschten dar. Ihnen fehlt jegliches schmuckwerk. zum teil tragen sie masken, doch oft sehen sie aus wie verwilderte tannenbäume auf der flucht, riesige tannenkriesberge, mitkrude eingeflochtenem tierfell, zum teil mit hörnern. Dort wo die anderen kläuse schmucke szenen tragen ragen bei ihnen wild äste in die luft. Mir gefallen diejenigen, die keine masken tragen, diejenigen, bei denen kein gesicht, keine maske erkennbar ist. Denn genau darin liegt für mich der reiz gegenüber anderen wintervertreibungsbräuchen, wie z.b. der fasnacht und den walliser: die schiere flucht vor dem anthropologischen. Während an anderen bräuchen und auch bei den anderen chlausformen das menschliche noch in der maske wiederholt wird, sehe ich in den wüeschten mehr bäume, gestrüppe herumgehen. Der mensch in ihnen ist nur noch die bewegende kraft und die zarte stimme. Das gibt den wüeschten eine wunderbare ambivalenz. Lärmen sie mt den glocken, so scheinen sie reine naturgewalt zu sein, haufen, in denen sich fleisch unter holz, horn und gestrüpp fortbewegt.




Sie wirken unberechenbar, dampfend, es ist wirklich, als habe sich hier etwas aus den wäldern gelöst. Es ist als seien diese bauern, die in ihren tälern subventionierte, schier wertlose milch produzieren, hier einen pakt eingegangen, den wir nicht nachvollziehen können. Das appenzell ist geprägt von weichen hügeln, wie gemacht für butterwerbung, suggerieren sie doch eine milde geniessbarkeit. Zugleich ist das appenzell auch der ort, an dem das frauenrecht vom bund aufgezwungen werden musste, an dem die langdsgemeinde, also die abstimmung noch öffentlich auf einem platz stattfand, wo man mit früher mit säbeln zustimmung bezeugte und ein ort, an dem der selbstmord im tenn eine äusserst beliebte exit-strategy darstellt. Ist der bauer verschuldet, bringt er den hof nicht mehr aus den problemen hinaus, so wählt er lieber den strick, als seinen angehörigen in die augen zu sehen. Ich habe den eindruck, dass in den wüeschten etwas von einer unnachvollziehbaren brachialität liegt, die sich nicht in jener gewalttätigkeit erschöpft, die den harpyengesichtigen figuren der anderen fasnachtsbräuche inne ist. es ist als ob sich die natur in diesen jungen manner etwas zurückgeholt hätte.
Ein freund von mir wohnt, seit kurzem in herisau, im appenzell, an der grenze des dorfes. Er wohnt ander Johannes baumann strasse. Johannes Baumann war ein appenzeller politiker, von 1934 bis 1943 im bundesrat. Er leitete das departement des äusseren, duldete auch das juden-j, das tausenden den tod brachte. Das quartier meines freundes wird im “herisauer anzeiger” bereits als “ghettoisiert” bezeichnet, zu viele ausländer wohnen schon hier. Der gedanke an diesen umgang mit dem fremden, der mein land, die schweiz, ganz besonders in den ländlichen regionen pflegt, begleitet mich natürlich auch zu den kläusen. Mit unbehagen hörte ich auch von der frau am wurststand, dass in diesen gruppen letztlich meist nur leute mit landwirtschaftlich-verwandtschaftlichem hintergrund aufgenommen würden, ihr sohn, und das ist ein freudiger lichtblick, habe eine eigene gruppe gründen müssen, um am brauch teilnehmen zu können.
geht die ernsthafte pflege von alten bräuchen nicht immer auch einher mit einer abwehr von fremdem, die in der angst vor touristen noch ihre harmloseste ausprägung findet? Wie kann ich das trennen? Wohl nicht. der schauer, der mich diesen gestalten gegenüber so einnimmt, ist vielleicht auch das teilhaben an einer form der selbstäusserung, die sich auf gedeih und verderben mit der eigenen herkunft verstrickt sieht. Ein freund von mir hat mir vom fatalismus einer neueren generation von bergbauern erzählt, die sich weigern, ökonomische kompromisse einzugehen, denen ihr bauer-werden mehr wert ist als rationale überlegungen. Der chlausenbrauch ist in einer grossen wiederbelebungsphase, junge manner feiern den brauch jades jahr, wie der gallerist bruno bischofsberger sagt, “mit inbrunst”. Zeigt sich in diesen figuren nicht jener genuss des verwachsenseins mit dem land seiner herkunft. Hier zeigt sich “verwurzelung” wirklich naturaliter als pures aus dreck, gras und bäumen bestehen.

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es ist beinahe 6 uhr. wir steigen zum tüfenberg hinauf, auf einer asphaltierten strasse. Ab und an kommt ein auto und rast den berg hoch. Beinahe alle scheinen, wie wir schnell feststellen, vor einem bauernhof zu halten. Dort drin scheinen sie sich zu versammeln. Wir versuchen durch die fenster in den stall zu sehen, doch darin gibt es nichts als kühe. Wir wollen warten, bis “sie” herauskommen, bis sie sich aufmachen. Doch es regent in strömen, wir können nicht stehen bleiben, es friert uns. Also gehen wir weiter, den rückzug zu einem weiteren touristisch gesicherten anlass schlagen wir aus. Plötzlich hören wir glockengebimmel am hang. Durch den schall ist es nicht erkennbar, woher der klang genau kommt. Doch dann sehen wir die lichter. Eine “schuppel” schö-wüeschter steht vor einem bauernhof und fängt an zu singen. Vor ihnen steht der bauer, der diese form der segnung seines hauses entgegennimmt. Ich fühle mich wie ein eindringling, fürchte mich davor, verjagt zu werden. Der anblick ist wunderschön und er ist nicht für uns gedacht. Die glocken bellten hier gegen die geister an, der gesang soll das haus schützen. Nach jedem lied dankt der bauer, die figuren trinken glühwein durch schläuche. Mir ist, als ob der bauer die fguren umarmen würde, so nahe steht er den hühnen. Immer wieder werden die glocken geschüttelt, und ein lied angestimmt, das ritual dauert sicher eine halbe stunde. Es ist etwas vom schönsten, was ich je gesehen habe.